Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

Page: 144
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Flörsbach. Gettenbach.

Die Filialkirche.

Die Erbauungszeit und der ehemalige Titel der Capelle ist nicht übermittelt. Den Formen nach ist
der schlichte Bau im Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden. Er ist aus Bruchstein mit Haustein-Detail
errichtet, hat einfach rechteckigen Grundriss ohne Chor, eine rechteckige Thüre und zwei Paar gekuppelte
rechteckige schmale Fenster mit Karniesprotil auf der Südseite, ein einfaches Fenster auf der West- und
Ostseite. Am Westende des hohen Daches ist ein kleiner Dachreiter mit Glockenhelm und gut gezeichnetem
Thurmkreuz aufgesetzt (cf. Tab. 233).

Im Innern laufen auf der Nord- und Westseite hölzerne Emporen her, die von vierkantigen ge-
wundenen Säulen getragen werden. Auf dem westlichen Flügel derselben steht die unbedeutende

Orgel mit 2füssigem Principal im Prospect.

Der Altar hat noch die alte Mensa mit abgeschmiegter Platte, während das mittelalterliche geschnitzte
Triptychon desselben, nach der Reformation auf den Kirchenboden verbannt, jetzt in der Alterthiunssaminlung
des hessischen Geschichtsvereins auf dem Schloss zu Marburg sich befindet (Tab. 234).

Es besteht aus einem kleinen rechteckigen Schrein ohne alles krönende Schnitzwerk, welcher, wie die
Flügel, nur von hohlprofilirten Rahmen eingefasst wird.

Das Mittelfeld wird von einem zierlichen, leider halbzerstörten, geschnitzten und vergoldeten Laub-
bogen abgeschlossen, und enthält drei geschnitzte bemalte und vergoldete Statuen. In der Mitte stellt Madonna
mit dem Kind auf dem Halbmond, und über ihr schweben zwei kleine eine Krone haltende Engel. Zur Seite
links steht eine Heiligenfigur, deren Attribut mit dem rechten Ann abgefallen ist, die scheinbar aber Johannes
den Täufer darstellt, rechts ein in einem Buch lesender Heiliger im Priestergewand, wohl der hl. Ludgerus.
Alle drei stehen auf achteckigen reichgekehlten Sockeln mit leeren Reliquienzellen. Die Aussenseiten der
F lügel zeigen nur noch Spuren der alten Bemalung, und die Innenseiten sind mit ganz flachen Relieffiguren
unter zierlichen aufgelegten geschnitzten (meist zerstörten) Ranken geschmückt. Links steht ein Heiliger in
weltlicher Tracht mit goldenem Mantel, dessen Umschlag blau bemalt ist, rothem Unterkleid, weissen Strümpfen
und zierlichen schwarzen Schuhen (Boss) eine Krone haltend, wohl Karl der Grosse. Die Gewänder der säninit-
lichen Figuren sind bemalt wie diese Figur, nur Ludgerus hat ein weisses Untergewand. Auf dem rechten
Flügel ist Anna selbdritt dargestellt.

Lnter dem Mittelfeld liegt als Ersatz der Predella eine schmale, ehemals von durchbrochenem Ranken-
werk, abgeschlossene Abtheilung für Reliquien.

Das Werk hat in der Technik, in der Haarbildung, in den Gesichtszügen so grosse Verwandtschaft mit
den Seitenaltären zu Gelnhausen, dass es derselben Werkstatt entstammen muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass
es eine nicht weit entfernte gewesen, wächst mit der Uebereinstimmung der Schnitzwerke zu Kempfenbrunn,
Flörsbach und Gelnhausen.

Die Kanzel aus Sandstein ist fast identisch mit der zu Kempfenbrunn, trägt das Hanauer Wappen
und ist in dieselbe Zeit zu setzen (siehe Kempfenbrunn). In dein Dachreiter hängt ein

Glöckchen mit der Inschrift: IOHANN LIND 1708 GOSS MICH.

Gettenbach.

Dorf von 500 Einwohnern 1 Stunde n. n. w. von Gelnhausen, ehemals im Gericht Gründan jetzt Amtsgericht
Gelnhausen gelegen, und zu der Kirche von Niedergründau — der Bergkirche — eingepfarrt. Es kommt zuerst
1338 als Gettenbach urkundlich vor, heisst 1377 Gettenbach und 1400 Jettinbach, ein Name, der nach Arnold
(p. 323) von getto = lolium oder von einem Personennamen gitto (?) abzuleiten ist.
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