Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

Page: 86
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bkrcbd1text/0104
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
86

Das Altaristenhaus.

Auf der Nordseite liegt neben dem Eingang das merkwürdige Waschbecken (lavabo), welches Tab.
137 in Ansicht, 135 in Querschnitt und Grundriss dargestellt ist. Aus dein verschliessbaren obern Wasser-
gefäss führen zwei kleine, wohl mit Hähnen versehene Bleirohre durch die unförmlichen Köpfe, während der
Spültrog mit einem eleganten Rundbogenfries geziert ist.

Die Balkendecke des Raumes liegt auf einen starken Unterzug, der in der Mitte von einer schön pro-
filirten Säule mit Kopfbändern gestützt wird. Die südliehe Hälfte des Unterstockes ist durch eine Fachwerk-
wand später abgetrennt worden, wohl als man den Keller nach einer Inschrift auf dem äussern Eingang 1606
anlegte, dessen innerer Kellerhals in dieser Wand mündet. Ursprünglich ist offenbar der Unterstock nur ein
als Hauptwohnraum und Küche zugleich dienender Raum gewesen, und blieb 1895 wesentlich unberührt.

Im Oberstock von geringer Höhe (2.70) ist durch eine leichte Fachwerkwand mit Flechtwerk ein
schmaler westlicher Corridor abgetrennt gewesen, an dem sich zwei kleinere und eine grössere Kammer schlössen.
In dem Corridor bei b lag eine Wandnische, in deren Tünche die Zahlen anno dni m cccc Ixxi (•= 1471) und
1583 eingeritzt waren, und wohl die Daten von Reparaturen bezeichneten. Dann folgte eine Nische, welche
offenbar als Abort gedient hat und daneben eine hochgelegene nach oben gekröpfte Luftöffnnng. Die Fenster
der Kammern haben sämmtlich durchaus verschiedene Gestalt, wohl in Folge von nachträglichen Veränderungen
nach dem Geschmack der jeweiligen Benutzer. Ursprünglich dürften sie sämmtlich die älteste und best durch-
gebildete Form des ersten Fensters am Nordende gehabt haben. Das zweite war später zu einer grossen bis
zum Fusshoden herabreichenden Luke vergrössert, das dritte hatte zwei schmale gekuppelte nach aussen ge-
l'asste Ründbögenfenster und Fenstersitze. Ebensolche hatte auch das Südfenster, war aber zu einer Ver-
biridungsthüre mit dem anstossenden Thorbau ausgebildet, und zwar wie die spätgothischo einfache Malerei in
den Laibungen beweist, wohl zu der durch die ältere Tünchritzimg von 1471 angegebenen Zeit. Auch das
erwähnte Doppelfenster hatte solche Malerei und die Scheidewände zeigten eine einfache Feldereintheilung mit
farbigen Linien (c'f. Tafel 135).

Im Jahre 1895 ist dieser interessante Bau nach den Plänen des Landesbauinspektors Wolfarth zu
einem Confirmandensaal umgebaut worden, wobei eine Menge kleiner hochinteressanter Dispositionen und
Spuren verwischt wurden, wenn es auch gelang die besonders werthvolle Ostseite, welche ursprünglich ganz
niedergelegt werden sollte, wenigstens äusserlich zu erhalten.

Sämmtliche Fenster dieser Seite wurden bei der jüngsten ..Restauration" im Innern vermauert, um
eine glatte Wandfiäche zu erhalten. Die Westmauer wurde abgetragen, und durch ein stylloscs lackirtes Fach-
werk mit grossen Fenstern ersetzt, zum Aufstieg eine hölzerne Freitreppe auf der Nordseite vorgelegt und so
der Steitz nochmals zu modernen Zwecken zugestutzt.
loading ...