Bickell, Ludwig [Hrsg.]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

Seite: 120
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Aufenau.

Aufenau.

Dorf viiii 600 Einwohnern, 21j2 .Stunden nordöstlich von Gelnhausen an der Kinzig und der ehemaligen
Leipziger Heerstrasse gelegen, mit Neudorf und Kinzighausen (Hofgut).

Der Ort wird schon um 900 als Uyenpwa, Huvenowa,. Houvenow.a genannt und hiess 1167 Uveuovve,
1264 [Jffenawe, 1376 Ubena u. s. w.

Er gehörte zum Gau Wettereiba, und war Sitz eines Centgerichtes (Landau W.. p. 134). Das Gericht,
Dorf und Zubehör, besassen die von Forstmeister wohl in Verbindung mit ihrem Amt als Forstmeister des
Büdingerwaldes und mit dem Burglehen zu Geinhansen, als Reichslehen vom 14. Jahrb. Iiis zum Jahr 1787,
wo sie mit kaiserlicher Genehmigung ihre Hechte zur Tilgung einer Schuld hei den Grafen zu Solms an .Mainz
verkauften. Das Forstmeisteramt hesass die Familie direkt nachweisbar seit 1354 (Ürk. III, p. 132), und
wenn die Erpho forestßrii, wie aus der Gleichheit des Wappens geschlossen werden darf, derselben angehören,
schon seit 1264 (ürk. I, p. 288) resp. 1239 (1, p. 162). Von Mainz kam der Ort 1814 an Bayern und 1866
an Preussen. Da die von Forstmeister in einem der kaiserlichen Jagdschlösser Gelnhausen, Wächtersbach
oder Büdingen geboren sein mussten, hatten sie in Aufenau selbst keinen ständigen Wohnsitz, und erst als
mit dem Verfall der alten Verfassung des Büdüiger lieiehsforstes diese Burgen nicht mehr direkt zu Reichs-
zwecken dienten, sondern an eintlussreiche Adlige kamen, wurden sie veranlasst, im Mittelpunkt ihres Grund-
besitzes das Schloss Kinzi gh a use n anzulegen. Eswar eine Wasserburg und niuss sich wohl besonders durch
den malerfSchqn Aufbau der hölzernen Oberstockwerke ausgezeichnet haben, denn es erhielt den volkstüm-
lichen Namen ..blaues Wundert". Nachdem es im vorigen Jahrhundert als Papierfabrik eingerichtet, und dann
zu ökonomischen Zwecken umgebaut wurde, ist von der alten Herrlichkeit nichts mehr, nicht einmal in Ab-
bildungen erhalten.

Die Pfarrkirche.

Dieselbe wird schon im Jahre ll(i7 als hdslMä' in Uv&nöiceibtw&hih, wo sie mit Zubehör im Besitz
des Klosters Schlüchtern warH'rk. I, p. 79). Spätere Nachrichten aus dem Mittelalter fehlen leider gänzlich.
Durch Teilung der Familie von Forstmeister in eine katholische und protestantische Linie wurde 1544 die
Reformation eingeführt Nach endlosen Streitigkeiten kam es erst 1683 zu einer rechtlichen Festsetzung des
Simultangebrauches, der seitdem in Lehmig ist.

Der bestehende auf Tab. 189—91 dargestellte spätgothische Bruchstein-Bau hat ein flachgedecktes
Schiff ohne Strebepfeiler, und einfach spitzbogige mit Fase und Hohlkehle profilirte Fenster. Der etwas
schmälere Chor hatte bis zur jüngsten Herstellung nach den Npfitzon des Verfassers aus dem Jahr 1869
Strebepfeiler, um die sich ein höhlprofilifter Sockel und ein YVassorschlag als Kafsims verkröpfte, während
der Dachsims fehlte. Die Gewölbe waren zerstört und Beste der hohlprofilirten Kippen wuchsen mit kurzer
Verknüpfung aus den in die Ecken gestellten aus drei Ruridsfaben mit polygonen Sockeln bestehenden Diensten,
neben denen das Hohlkehlenprofil der Schildbögen heräbgeführt war. Der Schlussstein des Chothanptes mit
dem aghus dei hat sielt, die Bildflä'che der Innenseite des Dachraüm'eS zugekehrt, in der Aufinauerung des
Westgiebels erhalten. Von den Chorfensteirn hatte nur das östliche sein (noch bestehendes) Masswerk, welches
jetzt in den übrigen ergänzt ist. Das Profil derselben entspricht dem der Scliift'fenster.

Der Thurm von quadratischem Grundriss steigt ohne Absatz und Gesims nördlich von der Mittelaxe
der Kirche vor der Westseite auf. Im Norden und Süden durchbrechen grosse Bbgenthüren die Wände, so-
dass das Lrdgoschoss eine Vorhalle vor dem spitzbogigen Hauptportal bildet. Die südliche Oeffnung ist
spitzbogig, unprofilirt, die nördliche rundbogig mit Hohlkehle zwischen' zwei feinen Pundstäben.

Neben dem alten Haupteingang ist 1755 bei der Hauptreparatur, welche die ganze Kirche entstellte,
ein neues aus Tab. 190 ersichtliches Portal angelegt worden. Damals erhielt auch der Thurm das jetzige
überaus hässliche Zwiebeldach mit hoher Laterne, welche von einem reichen gut geschmiedeten Kreuz gekrönt
wird. Auch die Sacristei muss damals entstanden sein. Der Thurm hat in halber Höhe nach drei Seiten
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