Bickell, Ludwig [Editor]
Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel (Band 1): Kreis Gelnhausen: Textband — Marburg, 1901

Page: 154
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bkrcbd1text/0172
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
154

Kirchbracht.

könnte. Tn dem oberen Thurmstock sind lange schmale Rechteckfenster, und darüber in einer nachträglichen
Erhöhung Schiessscharten angebracht (cf. Lohrhaupten, Wächtersbach, Wolferborn).
Das Schiff hat durchaus modernisirte Thüren und Fenster.

Im Innern verbindet ein jetzt (?) kämpferloser uhprofilirter Spitzbogen das Schiff mit dem Chor,
welcher mit einem Kreuzgewölbe abgedeckt ist,. dessen kräftige hohlprofilirte Rippen auf einfach pyramidalen
Consolen aufsitzen, und sich in einem runden Schlussstein mit alterthümlichcr Rosette vereinigen. Die Scbild-
bögen laufen bis zum Fussboden ohne Unterbrechung durch Profile herab und bilden ca. 30 cm tiefe Wand-
blenden. Neben" dem Triumphbogen lassen Unebenheiten der Wände des Schiffes die Abarbeitung von
Gewölbeanfängern erkennen, sodass das Schiff ebenfalls, etwa zweischift'ig, gewölbt gewesen sein muss.
Wie die Innenansicht Tab. 245 ergiebt, ist der Chor jetzt durch die Empore für die Orgel verbaut, und ähn-
liche ziehen sich im Norden und Westen hin. In der Anlage derselben, verbunden mit dem der Höbe halber
erforderlichen Ausbrechen der Gewölbe, ist der aus dem Jahr 1590 nach Akten des Pfarrarchives zu tleichen-
hach als Vorbereitung für die Errichtung selbständigen Pfarrei überlieferte „Neubau" zu erkennen.

Die runden Stützen der Emporen im Schiff sind kandelaberartig geschweift, und mit kleinen Kopf-
bändern versehen, im Chor noch reicher gegliedert.

Der Altar ist ein hölzerner Tisch mit gedrehten Beinen.

Die Kanzel gehört der Ausstattung von 1590 an und ist eine durchaus originelle fein gegliederte,
wenn auch allen sculpirten Schmuckes entbehrende Schreinerarbeit; besonders der Fuss zeichnet sich durch
kräftige, wirksame Gliederung aus.

Das Gestühl ist auf der Innenansicht leider nicht sichtbar, gehört aber ebenfalls zu der Neuausstattung
des 16. Jahrhunderts. Tab. 242 F. 5 gibt das Profil einer Wange.

Das Thurmkreuz mit dem Aufbau und Dach ist ebenfalls auf 1590 anzusetzen und noch in den guten
alten traditionellen Formen gehalten. Im Thurm hängen

3 Glocken. Die grösste und älteste hat 0,865 Durchmesser, 0,66 Höhe und eine elegante Rippe.
Um den Hals läuft in den zierliehen neugothischeh Majuskeln aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts die In-
schrift in einer Reihe zwischen zwei flachen Riemchen:

SANT § ANNA § GLOCK § HEIS § ICH § M § HANS § ZU § PRANKFORT § GOS § MICH § ANNO § XV s XI s IAR §

Darunter läuft ein gotliiscber Zackenfries. Uni den Schlag, der mit mebreren schwächeren und
■stärkeren flachen liundstäben geschmückt ist, läuft ein gothischer Laubstab, der aber nicht überall gut aus-
gegossen ist (schon zu kaltes Metall) und auch auf der Vorderseite der scharfgeknickten 6 Bügel der Krone
aufliegt. Der Ton der Glocke ist vorzüglich rein von dissonirenden Nebentönen.

Die mittlere Glocke hat 0,66 Durchmesser, 0,45 Höbe und in lateinischen Grossbuchstaben zwischen
gedrehten Fäden die Inschrift:

aar GOSS • MICH • BENEDIC • UND • IOHANN • GEORG • SCHNEIDEWINÜ • IN • FRANKFURT ANNO 1748

h~ bedeutet eine Hand mit Armstumpf, ein bei Schrieidewind beliebtes Trennungszeichen. Die Bügel
haben stark zurückgebogene Form.

Die kleinste hat 0,53 Durchmesser, 0,45 Höhe und ebenfalls in lateinischen Grossbuchstaben zwischen
die Inschrift:

+ GOS • MICH • IOHAN • ROTH + PILLIEPS • ROSTZ • 1671

Die Krone sitzt auf einer ca. 2 cm dicken wagerechten runden Scheibe, von der ein einfaches Kreis-
segment zu dem anfangs glatten Hals überleitet. Auch der Schlag ist in weichen Linien ohne Fäden profilirt.
loading ...