Vereinigung zur Erhaltung Deutscher Burgen [Editor]
Der Burgwart: Mitteilungsbl. d. Deutschen Burgenvereinigung e.V. zum Schutze Historischer Wehrbauten, Schlösser und Wohnbauten — 29.1928

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erweitert werden sollte. Um 400 wurde das Land befreit,
Franken zogen ein und entwickelten eine kulturelle Blüte,
auf die wir allerdings nur ans Kleinfunden — da fie in Holz
zu bauen pflegten—und aus den Folgen schließen können.
Unter ihnen steht die Kastorkirche obenan. Ihr galt der erste
Besuch. Die Kastorkirche ist ein durch Alter und Sinn ehr-
würdiger Bau aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, seine Bau-
gefchichte im einzelnen wohl nicht ganz aufgehellt. Dem
Betrachtenden wird hierwie an so manchem Bau des Mittel-
alters klar, daß es ein gewaltsames Ringen um neuen Aus-
druck war, was diese Bauten bestimmte. Das gibt ihnen ein
grundsätzlich anderes Gepräge, als es die Bauten der Burg
von Athen tragen, die in glücklicher Stunde empfangen,
vollendet wie Athene aus dem Haupt des Zeus, in wenig
Jahren „aus einem Guß" entstanden, indem man den von
Mb. ^7. Blick auf den Rhein südlich üoblenz vom „Ritteichurz" aus. Bundesgenossen gesammelten Kriegsschatz in Pracht-
bauten umsetzte — vielleicht in „Sachgüter" flüchtete? —
In unseren Bauten des Mittelalters haben wir den Ausdruck des Ringens um immer höheres, besseres, und ein Denk-
mal solchen Ringens ist auch die Kastorkirche in Koblenz.
Vollendet kann ein solcher Ban nicht werden noch sein. Der Vollendung im Sinne seiner Zeit näher ist er viel-
leicht gewesen, als noch die herrliche Altartafel aus dem 13. Jahrhundert den Hochaltar schmückte. (Sie steht jetzt in
einem kleinen Zimmer mit Kostbarkeiten mittelalterlicher Goldschmiedekunst im Museum Cluny in Paris.) Doch
konnten unter den Prunkstücken baulicher Ausstattung die beiden Grabmäler des Erzbischofs von Falkenstein (nördlich)
und besonders das für Erzbischof Werner (südlich) im Chor bewundert werden.
Vor der Kirche wurde das Gedächtnismal zweier ententischer Mächte wohl beachtet, von denen die eine, Frank-
reich, auch ein steinernes Wahrzeichen längerer Anwesenheit in Koblenz hinterlassen wollte, während die andere,
Rußland, die ruhmredige französische Inschrift ergänzte, als Napoleon auf der Rückreise den damals Deutschland ver-
bündeten Russen Platz machte.
Nächst der Kastorkirche machte die Jesuitenkirche einen nachhaltigen Eindruck: erst Anfang des 17. Jahrhunderts
erbaut, nimmt diese Kirche Gedanken des Mittelalters auf. An die altehrwürdige Mailänder Ambrosiuskirche mahnt
die Emporenanlage, die Gewölbe hätte Meister Eckhart angeben können, der entwerfende Architekt hat offenbar vielerlei
aus den verschiedensten Ländern und Zeiten gekannt; es wird Peter Meßtorff gewesen sein. Sein Werk wird durch einen
der prunkvollsten barocken Altäre ergänzt, auch eines Deutschen (Münch) Arbeit. Mit der Kirche verbunden ist das Jesuiten-
kolleg, vordem von Cisterzienser-Nonnen bewohnt, dann zur Schule für die oberen Klassen gemacht, heute als Rathaus
beuützt. Der Wandel des Zwecks ist bezeichnend für die Entwicklung. Der Orden fischte nicht mit dem Netz wie
andere Orden, sondern mit der Angel, aber dazu mußte er weite Fischgründe haben und errichtete darum Schulen
an Stelle des Nonnenklosters, wie wir heute nach dem Abbau des Heeres Bürokasernen aus allen freiwerdenden
Bauten machen.
Das Rathaus enthält eindrucksvolle Räume, besonders das Treppenhaus. Hier gab der Oberbürgermeister
Dr. Rüssel Bericht von den neuerlichen Erlebnissen der 60000 Einwohner, ergänzt durch 8000 (großenteils weiße)
Franzosen, für die ein ganzer Stadtteil gebaut werden mußte. Für die Mannschaften Reihenhäuser, für die Offiziere
Wohnungen von 5—12 Zimmern, soweit nicht vorhandene Häuser ihnen mit voller Einrichtung bis zu den persönlichen
Gebrauchsgegenständen eingerüumt werden mußten. Diese enge persönliche Beziehung zu vielen Tausenden An-
gehörigen und sogar beglaubigten Vertretern des Nachbarvolkes hat natürlich einen ungemeinen Wert, denn nur so
aus der Nähe lernt man sich kennen, was gerade für die Deutschen sehr wichtig ist, da ihnen zumeist das Verständnis
für symbolische Handlungen der romanischen Völker abgeht. Z. B. für die Behandlung, die französische Offiziere,
sicher Repräsentanten gallischen Genies, Esprits und der bekannten Ritterlichkeit, den deutschen Denkmälern nicht weit
von Koblenz angedeihen ließen. Sie (die Denkmäler) konnten mit reichlichem Wasser gereinigt werden. Im Hofe
der weitläufigen Klosteranlage wurde auch die von Athanasius Kircher entworfene Sonnenuhr betrachtet und dabei
des herrlichen Museums gedacht, das dieser Deutsche in Rom zusammenbrachte, so auf seine Weise am Ausgleich
unter den Völkern arbeitend.
Ganz andere Eindrücke als im Rathaus erwarteten die Burgenfahrer im Königlichen Schloß. Es ist der letzte
große rheinische Residenzbau vor der napoleonischen Verwirrung Europas und der erste große klassizistische Bau am
Rhein, errichtet für den trierischen Kurfürsten Clemens Wenzeslans, 1777—1786. Der Erbauer dPxnard hatte Palla-
dios Gedanken über Landschlösser zu verwirklichen gesucht. So war vor dem Schloß ein riesiger, hallenumzogener,
in halbe Kreise auslaufender Hof, tiefer als breit, geplant. Der Mittelbau sollte eine Kuppel erhalten, der Bau im
ganzen ein Geschoß höher werden als er ist. Von dem allen ist wenig ausgeführt worden. Kunstkritik (der maßgebenden
Pariser Sachverständigen) und Eifersüchteleien der Architekten lähmten das Bauvorhaben. So trat ein Franzose,
Peyre, an die Stelle d'Jxnards. Schon sehr bald nach der Vollendung fielen 1794 französische Heere in das friedliche
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