Vereinigung zur Erhaltung Deutscher Burgen [Hrsg.]
Der Burgwart: Mitteilungsbl. d. Deutschen Burgenvereinigung e.V. zum Schutze Historischer Wehrbauten, Schlösser und Wohnbauten — 29.1928

Seite: 111
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So ziehen wir auch dieses Mal hinaus nach dem deutschen Osten, der schwer bedroht von Sturmflut slawischer
Feinde jedes Zeichen treuen Gemeinschaftsgefühls und so auch unfern Besuch in diesem Sommer mit herzlicher
Freude begrüßt. Auch dort werden wir in den Ordensburgen unvergleichlich große und schöne Wehrbauten als Zeugen
großer deutscher Taten verrauschter Jahrhunderte erblicken.
Zu dieser neuen Fahrt sind Sie alle herzlichst eingeladen.
Unsere Arbeiten aber werden wir im alten Geiste begeistert weiter leisten und hoffentlich seiner Zeit an gleich
begeisterte, jüngere Kräfte zu treuen Händen tibergeben, auf daß unsere Vereinigung blühe, wachse und gedeihe auf
viele weitere Jahrzehnte.

Burgenschau

Seßlach in Oberfranken.
Der Wiederaufbau eines Stadtmauertürmchens am Zwinger
wurde vor kurzem ausgeführt. Im Mai 1926 war das Türmchen
eingestürzt. Man hatte vor, den Turmrest vollständig zu beseitigen
und die Mauer dort lediglich auszufüllen. Hiergegen wandten sich
sowohl das Bezirksamt Staffelstein und das Landbauamt Bam-
berg als auch der Frankenbund. Letzterer brachte zum Wiederauf-
bau über 450 RM. auf. Auch der Historische Verein Bamberg
sowie die Regierung von Oberfranken und das Landesdenkmalamt
gaben Spenden. Es ist nur bedauerlich, daß das schöne mittel-
alterliche Städtchen Seßlach durch landwirtschaftliche Anbauten
(Scheunen, Ställe usw.) an die Stadtmauer auch nach außen hin
so sehr an seinem Ansehen gelitten hat. Seßlach müßte glänzen,
wenn auf die Erhaltung der Ursprünglichkeit seiner Stadtbefestigung
mehr Wert gelegt worden wäre. Leider befindet sich ein Teil der
Stadtmauer in keinem guten Zustand mehr. Einem Turmrest
zwischen der Schule und dem Amtsgerichtsgefängnis droht gleich-
falls Verfall, wenn nicht bald die nötigen Vorkehrungen zu dessen
Erhaltung getroffen werden.
Die Kaiserpfalz Werla.
Die alte Kaiserpfalz Werla befindet sich zwischen Schladen und
Burgdorf an dem linken Ufer der Oker. Probegrabungen haben
Reste der Burg zutage gefördert. Der Kreistag des Kreises Goslar
beschäftigte sich mit einer Vorlage über den Ankauf eines drei
Morgen großen Ackerstückes der Gemarkung Burgdorf, auf dem
sich bei Probegrabungen die Reste der Kaiserpfalz Werla fanden.
Die Pfalz Werla ist wahrscheinlich von Karl dem Großen angelegt;
dort kam unter Heinrich I. der Hunnensturm zum Stillstand. Die
Stelle, an der sich die Pfalz befand, ist fetzt durch einen Stein,
der von einer Baumgruppe eingeengt ist, gekennzeichnet.
Das piastenschloß zu Beleg.
Das Piastenschloß zu Brieg, das im Jahre 1741 bei der Be-
lagerung Briegs durch Friedrich den Großen in Flammen auf-
gegangen war und nach den ersten schlesischen Kriegen nur not-
dürftig wiederhergestellt wurde, wird in diesem Jahre eine teil-
weise Wiederherstellung erfahren. Das Schloß ist vor einigen
Jahren von der Stadt vom Staate erworben worden und soll
fortan Kulturzweckeu dienen. Zunächst sollen Räume im Oder-
flügel des Schlosses hergestellt werden, um die aus dem Jahre
1569 stammende wertvolle Piastenbibliothek des Brieger Gym-
nasiasten als Leihgabe auszunehmen. Auch sollen im Schlosse
Räume zur Aufnahme des Brieger Heimatmuseums beschafft
werden. Die Stadtverordneten bewilligten zu diesem Zweck
36700 RM.
Kemenate und Burg am Bicolaitor in Eisenach.
Ein wissenschaftlicher Quellennachweis.
Die Forschungsergebnisse des Archäologen IM. Ulrich Nicolai
über die Kemenate und Stadtburg am Eisenacher Nicolaitor haben
großen Widerhall in der Presse gefunden. In den nachfolgenden
Thesen gibt Oe. Nicolai sein Quellenmaterial zur allgemeinen
Kenntnis.

1. Die Kirche des heiligen Nicolaus hat bereits vor der fetzigen
Klosterkirche existiert. Zwei Rektoren derselben werden bei Paullini,
„^.nnalss IS6NSL6N8S8,,, PUA. 129, genannt. Es ist wahrscheinlich,
daß wir in der Vorkirche der Nicolaikirche diese ursprüngliche Nicolai-
kapelle zu sehen haben.
2. Eine Betrachtung des alten Stahlstiches von Rohbock und
Rottmanu aus dem Jahre 1850, ebenso die Photographie des
Baubefundes von 1880 (Bau und Kunstdenkmäler Thüringens,
Bd. 3, S. 208) zeigt, daß der Baukomplex von Tor, Kirchturm,
Kirche und Vorkirche in verschiedenen romanischen Stilstufen
errichtet sein und somit aus verschiedenen Zeiten stammen muß.
Wir kennen heute durch die genauen Untersuchungen Paul
Frankels, Halle, „Die frühmittelalterliche und romanische Bau-
kunst", drei Stilstufen des romanischen Stils. Auf unseren Fall
angewendet, sehen wir Vorhalle, Stadttor und den unteren Teil
des Nicolaiturms aus einer früheren Stilstufe (um 1100) stammen.
Das Kirchenschiff dagegen und den oberen Teil des Turmes aus
der mindestens 50 Jahre späteren Zeit. Wir ziehen daraus den
Schluß, daß jeder dieser Teile eine besonders zusammengehörige
Baugruppe darstellt.
3. Die Gründerin des Nicolai-Nonneuklosters, Adelheid, Tochter
des Landgrafen Ludwig des Eisernen (um 1150), verlegte das
Petersbergkloster vom Petersberg in die alte Wehranlage, deren
Rest das Nicolaitor und der ältere Unterbau des Glockenturms ist.
Natürlich verwendete sie die alten Bauteile und fügte den Haupt-
bau der Nicolai-Klosterkirche zwischen der älteren Nicolaikapelle
und der Turmanlage ein.
4. Eben diese älteren Bauteile: das Nicolaitor, der untere Teil
des Nicolaiturms und das dazwischenliegende Gebäude haben
ursprünglich höchstwahrscheinlich eine Burganlage dargestellt, wie
sie schon vor Entstehung Eisenachs existierten. (Vgl. Johannes
Rothes Gründungserzählung.)
Hohkömgsburg. (Eingesandt.)
Der Zufall wirst uns eine französische Drucksachenseite aus einer
Verkehrsschrift auf den Tisch. Die Quelle ist nicht mehr erkennbar,
ist auch belanglos; auf den Inhalt kommt es au. Er soll offenbar
Fremdenverkehr für Schlettstadt im Elsaß werben. Dem dient in
erster Linie ein Hinweis auf das wichtigste Ausflugsziel der Gegend,
die Hohkömgsburg. Hierbei scheint der Verfasser einer auch sonst
zu beobachtenden unaufrichtigen Propaganda zum Opfer gefallen
zu sein. Er behauptet, Wilhelm II. habe die Burg „auf Kosten des
Elsaß" wiederherstelleu lassen. —
Das ist falsch. Von den (entgegen gelegentlichen maßlosen
Übertreibungen sei es festgestellt) 2^ Millionen Baukosten hat der
Kaiser persönlich die ersten Hunderttauseude, das Deutsche Reich
mit Bewilligung des Reichstags weitere zwei Fünftel und das
Elsaß die letzten zwei Fünftel bezahlt. Die von den Reichslanden ge-
zahlten Beträge dürften eine gute Kapitalsanlage gewesen sein.
Man denke allein an die beträchtlichen Lohnsummen, die der Bau
ins Land brachte. Die Baumaterialien entstammen größtenteils
dem Lande. Daneben darf nicht vergessen werden, daß die Stadt
Schlettstadt die Burg dem Kaiser nicht ohne Hoffnung auf Nutzen
geschenkt haben dürfte. Die Stadt wurde dadurch bekannt, und
der gewaltige Fremdenstrom aus allen Teilen Deutschlands brachte
weiteres Geld ins Land; noch heute merkt der Wanderer in den
sonst menschenleeren Wasgauwäldern die Anziehungskraft der
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