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Dehio, Georg; Bezold, Gustav von
Die kirchliche Baukunst des Abendlandes (Band 1) — Stuttgart, 1892

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https://doi.org/10.11588/diglit.11368#0402
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Neuntes Kapitel.

Die tonnengewölbte Basilika.

Die romanische Baukunst der Süd- und Westprovinzen des alten
Galliens, wie sie in den vorigen Kapiteln dargestellt worden, war im
11. Jahrhundert unstreitig die vorgeschrittenste des Abendlandes, inso-
fern sie erreicht hatte, was allen andern nur als ein fernes Ideal vor-
schwebte: den durchgeführten Gewölbebau. Im 12. Jahrhundert sodann
hat sie nicht nur der Formenphantasie des Zeitalters eine unvergleich-
lich glanzvolle und blühende Sprache geliehen, sondern auch eine
Anzahl von Bauwerken geschaffen, die mit strengstem architektoni-
schem Masse gemessen dem Besten, was der christliche Kirchenbau
irgendwann erreicht hat, zuzurechnen sind. Auf die gemein-euro-
päische Entwicklung aber hat sie keinen nennenswerthen Einfluss
gewonnen. Ihr kommt, von diesem Standpunkte aus beurteilt, nur
die Bedeutung einer Episode zu. Nicht ohne eine Art tragischen
Mitgefühls können wir den machtvollen, stolzen Strom dieser Bau-
kunst, unmittelbar nachdem er die Schwelle des 13. Jahrhunderts er
reicht hat, im Sande der Unbedeutendheit und Unfruchtbarkeit sich
verlieren sehen. Die äusseren Schicksale der Länder — es sei nur an
die Albigenserkriege einerseits, die Kriege zwischen der englischen
und französischen Krone andererseits erinnert — erklären vieles,
nicht alles. Das Verhängnis liegt schon in der von ihnen einge-
schlagenen baukünstlerischen Richtung als solcher. Es musste die
Zeit kommen, wo es sich bestrafte, dass sie von der Grundüber-
lieferung des christlichen Altertums sich eigenwillig getrennt hatten,
während das ganze übrige Abendland unbeirrt dieser nachzuleben fort-
 
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