Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

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Kunst-Khronik.

j erlin. In der Presse ist wiederholt darauf hingewiesen
worden, wie nothwendig es sei, ein Ausstellungsgebäude
für die Kunstausstellungen herzurichten, und erwähnt,
daß der Kultusminister auch bereits Auftrag für die
uöthigen Vorarbeiten gegeben hat. Dem Vernehmen nach
soll nun als geeigneter Platz für dieses Gebäude das circa
5 Morgen große Grundstück der ehemaligen königl. Bleiche, Fried-
richstraße 12, ausersehen sein, welches hierzu nicht allein wegen
seiner Lage, sondern auch wegen seiner räumlichen Ausdehnung wohl
für geeignet erachtet werden kann.

— — Das lebhafte Interesse, welches die berliner Bauaus-
stellung allseitig gefunden, hat die Idee augeregt, das Zustandekommen
einer permanenten Industrie-Ausstellung und damit den Erbau eines
Industrie-Palastes in der deutschen Reichshauptstadt, ähnlich wie ihn
Paris und London bereits besitzen, auzustreben. Bezüglich dieses ge-
wiß zeitgemäßen Projektes soll sich der Kaiser bei seinem Besuche der
Bauausstellung beifällig geäußert haben.

— — Professor Knaus aus Düsseldorf ist hier eingetroffen,
um seine ihm durch Verfügung vom 27. Februar d. I. übertragene
Stellung als Lehrer in dem neuen Meisteratelier der kgl. Akademie
zu übernehmen. Die Errichtung eines weiteren Meisterateliers steht
demnächst zu erwarten.

Hamburg. Nach dem vom Maler Zeppenfeld ausgeführten
Gemälde „Kaulbach's Ankunft im Olymp" ist kürzlich im Verlage
von Gebrüder Berendsohn hicselbst eine photographische Reproductiou
erschienen, die sich — der Popularität ihres Gegenstandes halber —
gewiß bald einer großen Verbreitung erfreuen wird. Das Motiv
der Komposition ist folgendes: Kaulbach tritt durch ein Wolkenthor
und wird von Raphael, Titian, M. Angelo, Murillo und Albr. Dürer
willkommen geheißen. Air diese Gruppe schließen sich Overbeck, Hol-
bein, Schwind und Rauch, im Vordergründe Mozart mit der Schröder-
Devrient, dann Cornelius, Schwanthaler, Rietschel und König Ludwig
der Erste als Beförderer deutscher Kunst an. Aus der rechten Seite ist
im Vordergründe die niederländische Schule durch Rubens, van Dyk,
Rembrandt, G. Dow, v. Mieris und Terburg vertreten, dann folgen
Hogarth, Flapmann, Asmus Carstens, Genelli, Winkelmaun, Land-
seer, sowie Calame, P. Delaroche und Horace Vernet; mehr im Vorder-
gründe Dante und Shakespeare. Schiller und Goethe Arm in Arm
im Mittelgründe neben P. Bischer, Erwin von Steinbach u. A.
lieber dem Wolkenthor thront Zeus mit Juno, umgeben von Künst-
lern des Alterthums, welche Zeichnungen und Modelle ihrer Haupt-
werke als Huldigung darbringen. Links Moses mit den Gesetztafeln,
rechts die ägyptische und assyrische Kunst.

— — Unser neues Stadttheater ist am 16. September er-
öffnet worden. Der Baumeister Haller hat eine schwierige Aufgabe
in der befriedigendsten Weise gelöst. An gegebene Schranken des
Raunies und an gegebene Formen eines veralteten, höchst nüchternen
und unkünstlerischen Baues gebunden, stellte er ein völlig neues Ge-
bäude her, das den höchsten Anforderungen an Eleganz und Be-
haglichkeit entspricht. Die schöne, würdevoll ornamentirte Haupt-
fayade, die mit ihr harmonisch zusammenklingende Vorhalle und die
breiten steinernen Treppenaufgänge sind die Hauptzüge des Baues.

Düsseldorf. Wir haben bereits eine kürze Notiz über den
von Prof. Mücke komponirten „Rheinfries" gegeben und lassen hier,
in Betracht des großen Interesses, welches voraussichtlich das Werk
erregen wird, sobald es in weiteren Kreisen bekannt wird, eine etwas
nähere Erläuterung folgen: Das Werk besteht in einem großen Friese,
der, mit der Feder in einfachen Contouren gezeichnet, den Rhein von
seiner Quelle bis zur Mündung mit seinen mancherlei Sagen und

in den für die Kulturgeschichte bedeutungsvollsten Momenten dar-
stellen soll. Wir sehen im Anfang den Gott der Alpen, dessen mit
der Krystallkrone geschmücktes Haupt in die Wolken ragt. Auf seinem
Schooße sitzt der „Rhein", als Knabe dargestellt, der aus dem ver-
eisten Barte des Alten die drei Quellen erwärmt, aus denen der
mächtige Strom sich bildet. Links liegt, vom Beschauer abgewaudt,
die Gestalt der „Jtalia", auf die Fluren der Lombardei blickend,
während rechts auf einem Felsen die „Germania" thront, die nach allen
Seiten Segen spendet. Ihr huldigen die „Poesie", die „Sage", die
„Geschichte" und die „Legende", und diese charakteristisch anfgefaßten
Figuren dürfen gewistermaaßen als der Prolog des Frieses bezeichnet
werden. Dann tritt uns das Leben und Treiben der Gnomen entgegen,
welche die Schätze der Erde zu Geschmeide und Waffen verarbeiten,
Perlen aus dem Rheine fischen. Sie haben die Riesen zu ihrem
Dienste, die ihnen das nöthige Holz herantragen. Die kostbaren
Geschmeide werden in einer Höhle nntergebracht und von Drachen
bewacht. Dabei lagert eine Riesenfrau mit ihren Söhnen. Zuletzt
sehen wir als Ende dieser mythischen Zeit eine lebensvolle Gruppe
von kämpfendeu Riesen und Drachen, die sich gegenseitig vernichten.
Daran reiht sich weiter die Darstellung eines altgermanischen Opfers,
dem ein vornehmer Römer verfallen soll, während Priester und
Landleute ihre Gaben dazu spenden. Ferner sehen wir den Ueber-
fall einer römischen Villa, deren Bewohner, beim üppigeu Mahle
schwelgend, von den Feinden überrascht werden. Die Männer werden
getödtet, die Frauen geraubt, und die Statue des Zeus in den Rhein
geschleudert, — eine Darstellung des Endes der römischen Herrschaft
am Rhein. Eine Gruppe heimkehrender Sieger vermittelt die Ver-
bindung dieser schauerlichen Scenen mit dem folgenden Bilde, welches
zu dem ersteren Bilde einen glücklichen Gegensatz bietet. Hier tritt
uns nämlich bei der Mündung des Rheines in den Bodensee die
„Einführung des Christenthums" entgegen, dargestellt durch den heili-
gen Gallus, der, beim Fischzug von Meerweibern mit Steinen beworfen,
die See- und Bergteufel mit dem Crucifix beschwört. Als kräftige
Jüuglingsgestalt sehen wir dann den Rhein mit den Attributen der
Schifffahrt und der Fruchtbarkeit an den Ufern des Bodensee's, im
Hintergründe den hohen Sentis. Der Aargau giebt dann Gelegen-
heit zu einer schönen historischen Komposition: „Abschied des letzten
Hohenstaufen von seiner Mutter Mathilde." Ueberaus reichen Stoff
bietet Constanz. Zunächst sehen wir den Friedensschluß Friedrich
Barbarossa's mit den lombardischen Städten, die ihm 1183 auf's
Neue huldigen, um diesmal nicht wieder von ihm abzufallen. Darauf
kommt das inhaltreiche Concil. Die Vernichtung der drei Gegen-
päpste geht einer figurenreichen Darstellung jener wichtigen Sitzung
voraus, in welcher Martin V. als neuer Papst gewählt und von
kaiserlichen Herolden ausgerufen wird. Kaiser Sigismund und viele
fremde Gesandte, selbst außereuropäischer Staaten sehen wir derselben
beiwohnen. Die ernste Gestalt des Reformators Huß, der festen
Schrittes aus dem Kerker zum Scheiterhaufen geht, schließt sich in
wirksam kontrastireuder Weise dieser glänzenden Versammlung an,
und die Flucht des abgesetzten Papstes Johann XXIII., der, als
Reitknecht verkleidet, auf jagendem Rosse das Weite sucht, bildet nur
den Uebergang zu einer anderen bedeutungsvollen großen Kompo-
sition, die uns in vielen Gestalten die Belehnung Friedrichs von
Hohenzollern, Burggrafen von Nürnberg, mit der brandeuburgischen
Kurwürde vorführt. Der bezcichnete Stammvater unseres Herrscher-
hauses empfängt dieselbe knieeud aus den Händen des deutschen
Kaisers Sigismund, den die Großen des Reiches umgeben. —
Soweit ist der Fries bereits vollendet. Von den späteren Dar-
stellungen liegt aber schon der Entwurf zu mehreren Scenen fertig
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