Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

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(Redaction und Expedition der Dioskuren: Villa Schasler bei Wilmersdorf, Berlin.)

Inhalt.

Abhandlung: Studien zur Charakteristik bedeutender Künstler der Gegenwart. Lnnst-Lhronil!: Lokalnachrichten aus Berlin, Münster, München, Nürnberg,
ClII. Franz Defregger. (Schluß.) Neapel.

Lorrkspvndciyrn: ^/Düsseldorf, 10. November. (Aus den permanenten ünnjtlirttil!: Die akademische Kunstausstellung in Berlin. (Forts.) V. Literarisches

Ausstellungen.) — n. Dresden, 9. November. (Gonne's Festmahl; Genre. Salongcmälde. Kabinetsstücke.

Henze's Siegesdenkmal.) — 8. Schwerin. — R. München, Anfang Änsstcllungskatender.

November. '(Lokalausstellung geschlossen; Kunstzustande; Architektur rc.) Üriestajicn.

Bk,

CIII.


Franz Defregger.

t'Cy

(Schluß.)

H^ie viel aber auch Defregger seinem
Lehrer Piloty an Anregung und po-

sitivem Wissen verdanken mag und so be-
reitwillig er selbst dies anerkennt, so kann
doch keine Schule das angeborene Talent
Jj& ersetzen noch erzeugen. Was Defregger als
ureignes Können offenbart, seine künstlerische
Eigenthümlichkeit, ist — man mag es nun
ein Geschenk von Gottes Gnaden oder per-
sönliches Verdienst nennen — jedenfalls sein
von fremdem Einfluß unberührt gebliebenes
Eigenthum. Ja, alle seine Arbeiten liefern
gerade dafür den Beweis, wie leicht es einem so talentirten
Künstler gelingt, die Fesseln der Traditionen seiner Schule von
sich abznwerfen und seine eigenen Bahnen zu wandeln, — ein
Verdienst, welches, wenn auch theilweise nach anderen Richtun-
gen hin und in sehr verschiedenem Grade, einige wenige seiner

Studien zur Gkjarakteristiü öedeutender Künstler der Gegenwart.

Piloty-Mitschüler bis zu einem gewissen Punkte mit ihm ge-
mein haben. Ein Kind des Volkes und vor Allem des kräftigen
Gebirglerstammes seiner Heimath, besitzt er die ganze Unbe-
fangenheit, die klare reflexionslose Anschauung und Einsicht, die
Wärme der Empfindung, den Humor des Volkes und ist eine
wirkliche, echte, ganze Künstlernatur. Niemals werden seine
Schöpfungen ethnographische Lichtbilder, stets sind sie im In-
neren durchlebte, kiinstlerisch empfundene und gestaltete Dar-
stellungen. Sieht man doch überall deutlich hindurch, mit wel-
cher liebevollen Hingebung er an seinen Arbeiten Alles, auch
selbst das Kleinste und scheinbar Unbedeutendste, behandelt, und
wie er nicht blos mit dem kalten Verstände allein, sondern auch,
und weit mehr noch als jenes, mit der Wärme seines Herzens
arbeitet. So ist er denn der Künstler der Volksseele. Seine
Bauern sind nie verkleidete Städtergestalten oder konventionelle
Typen, wie zum Maskenballe in tiroler Wämser und Knie-
hosen und sonstige malerische Landestracht gesteckt, —• nein,
es sind echte, wahrhafte Tirolergestalten. Seine Madeln sind
nicht kostümirte Stadtmamsellen, die sich darauf beschränkt
haben, ihre Chignons, Stiefelettenabsätze und Kopfschiffe zu
beseitigen, — nein, das sind tiroler Kinder von echtem Schrot
und Korn!
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