Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

Page: 369
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(Redaction und Expedition der Dioskuren: Villa Schasler bei Wilmersdorf, Berlin.)

Inhalt.

Lorrcjpmi-cnM: R. München, Mitte November. (Halbig's Kreuzigungs- Lunjikritik: Die akademische Kunstausstellüng in Berlin. (Forts.) VII. Heiteres
gruppe rc. Schluß.) — F. K. München, Ans. Decembcr. (Ausstellung und naives Genre; gemischtes Genre.

im Kunstverein. Forts.) — H. K. Wien, Ans. December. (Permanente kiinslUtcratur und Ätlmm: Kunstliteratur: Die Kunst, Maler zu wer-
Ausstellung im Künstlerhause.) den rc. — Der goldne Schnitt und die Anwendung desselben in der

-Lmijt-Lhronlk: Lokalnachrichten aus Bersin, Brandenburg, Goslar, Leipzig, Kunst rc. — Principien der Perspektive und. deren Anwendung rc.

Dresden, München, Breslau, Athen, Lima. Lneflmjtcii.

Korrespondenzen.

tünchen, Mitte Novbr. (Halbig's Kreuzi-
gungsgruppe; der Bauplatz für das
neue Akademiegcbäude; dieKunstge-
;wer beschule; die neue protestantische
kirche; die Rottmann'scheu Fresken
im Hofgarten; Julius Naue's Pro-
metheusfries. Schluß.) Mein jüngster
Besuch bei Julius Naue war ein überaus
lohnender, da ich Ihnen über seinen der
Vollendung nahen Prometheuscyklus Mit-
theilung machen kann. Derselbe zerfällt in
drei Theile, den „Feuerraub", den „Ge-
fesselten Prometheus" und den „Entfesselten
Prometheus". Das Ganze ist Eigenthum
-eines bekannten Kunstfreundes, des Kaufherrn Otto Meyer in Ham-
burg. Der Cyklus beginnt mit dem Tanze der Charitinnen, dem Amor
und Psyche zuschauen, während die anderen Gottheiten in Schlaf
-versunken sind, selbst die Furien in der Unterwelt mit eingeschlossen.
Da naht Prometheus (der Vordenker), der Freund der Menschen,
und raubt den Göttern das Feuer. Noch nimmt seine Linke von
der göttlichen Flamme und schon entzündet seine Rechte auf einem
Dreifuße das belebende Elenient, den herannahenden Menschen ein
unschätzbares Geschenk, dessen hohen Werth der feine vorfühlende
-Sinn des Weibes zuerst erfaßt. Mit dem Licht aber brachte Pro-

metheus dem Menschengefchlechte zugleich Lust und Freude, die sich
in dem Tanze von Kindern und Jungfrauen nach dem Schall der
Hirtenflöte aussprechen. — Den Uebergang von dem ersten zum
zweiten Theile, von den Göttern zu den Menschen vermittelt Jo,
die stiergehörnte Jungfrau. Prometheus hat ihr soeben das unheil-
volle Loos verkündet, das ihrer wartet (Aischylos Prometheus
Vers 785—818 und 820—880), und sie stürzt in wildem Jammer
in die Oede hinaus. Aber hoch am Gipfel des Kaukasus liegt ge-
fesselt der Lichtbringer. Ihm nahen des Okeanos Töchter und
brechen in lautes Wehklagen aus ob seines Jammergeschickes (a. a. O.
Vers 143 —151 ff.), und ihnen folgt mit seinem Rossegespann der
ehrwürdige Okeanos. — Ausgelitten hat nun der Dulder, da Hera-
kles den nach dessen Leber gierigen Geier mit raschem Pfeile ge-
tödtet und seine Bande gelöst hat, die der Titane so lange ge-
tragen. Ein Glied der Kette in der einen, die Fackel hoch in der
anderen Hand steigt Prometheus von seinem pcinvollen Lager herab,
während Thetis mit ihrem Gefolge den grünen Wellen entsteigt,
dem herrlichen Dulder den Lychoskranz zu reichen. — Die Schuld
ist gesühnt, die Pforten des Olympos öffnen sich und die Götter
und Göttinnen nahen, dem neuen Genossen freudigen Willkommen
zu bieten. Für ihn aber steigt der weise Cheiron hinab zum Hades
und schaut an besten Eingang noch einmal zurück nach dem geliebten
Freunde, für dessen Befreiung er das schwarze Loos erwählt hat.
Hermes, der Leichtbeschwingte, ist der Erste, der dem eintretenden
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