Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

Page: 197
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(Kedaction und Expedition der Dioskuren: Villa Schasler bei Wilmersdorf, Berlin.)

Inhalt.

Ätzhandlung: Studien zur Charakteristik bedeutender Künstler der Gegenwart. österreichischen Kunstverein.) — □ Rom, Ende Mai. (Sitzung der

61. Wilhelm von Kaulbach. (Forts.) römischen archäologischen Akademie; Neubauten; Ausgrabungen; Kon-

Lorrrspoiidciizcii: ^/Düsseldorf, Mitte Juni. (Aus den permanenten Aus- kurrenz bei der Akademie von San Luca.)

stellungen.) — F. X. München, Mitte Juni. (Ausstellung im Kunst- Liilisl-Cstronik: Lokalnachrichten aus Berlin, Köln, Nürnberg, Landshut in
Verein. Forts.) — H. K. Wien, Mitte Juni. (Monatsnusstellung im Bayern, Wien.

Studien zur Hharakteristik bedeutender Künstler der Gegenwart.

61. Wilhelm von Kaulbach.

(Fortsetzung.)

Motto: Do mortuis nil nisi vere.

^aulbach's künstlerische Thätigkeit trägt überall
.denselben typischen Charakter; und zwar in
/dein Grade, daß sie ihn in der letzten Zeit,
unter Beiseitesetznng jeder tieferen Psycholo-
gischen Jndividnalisirung, zu einer gewisser-
' maaßen stereotypen Gestaltung seiner Figuren
führte.

Nach den Gegenständen freilich, ans die sie sich richtete,
ist sie sehr vielseitig: in erster Reihe stehen seine großen Wand-
gemälde, von denen die im Neuen Museum zu Berlin im Ko-
thurnschritt kulturgeschichtlicher Epik sich bewegen, während er
in den Fresken an der Pinakothek in München seiner Lust an
beißendster Satyre vollen Spielraum gewährte. Nichts charak-
terisirt den Künstler schärfer als diese, schon an ihrer Stelle
völlig ungeeignete, überhaupt aber, als Monumentalmalerei,
durchaus taktlose Ungebundenheit, mit der er hier seiner sub-
jektiven Kritik über die eigenen kollegialischen Zeitgenossen den
Zügel hat schießen lassen. Hievon abgesehen freilich stehen sie
an pikantem Gedankenreichthuni und geistvoller Charakteristik weit

über den berliner Wandmalereien, welche — mit etwaiger Aus-
nahme der „Hunnenschlacht", die aber bekanntlich lange vor dem
Neuen Museum fertig und keineswegs ursprünglich dafür be-
stimmt war — kaum mehr als verständige Kombinationen
literargeschichtlicher Ideen sind, die ohne allen wahrhaften in-
neren Zusammenhang „symbolisch" verwerthet wurden. Wie
wenig Konsequenz in diesem Cyklus liegt, darüber haben wir
bereits einige Andeutungen gegeben. Leicht könnten aber die Be-
weise vermehrt werden; man könnte beispielsweise, von „Moses"
als Vertreter des durch die „Isis" vertretenen Aegypterthums
abgesehen, fragen, ob es für Hellas keinen besseren Repräsen-
tanten gab als Solon, den allerdings verdienstlichen, aber doch
nur spccisisch athenischen Gesetzgeber? Wäre Perikles, wenn
einmal ein Athener gewählt wurde, nicht vorzuziehen gewesen?
Man könnte ferner fragen, wie vor dem Rcformationsbilde
die Figur „Friedrich des Großen" hinpasse — und dergleichen
Fragen, welche sämmtlich Beläge für die innere Zusammen-
hangslosigkeit, d. h. Unwahrheit, des berühmten Cyklus sind,
ließen sich in's Unendliche vermehren. Aber, um hiemit zu Ende
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