Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

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i 19ter Jahrgang.

% M 7.


^mtjilörgitn Dr Arutsr^en T\tm$lutrcmi?,

Herausczegeben und' redigirt
von

vr. Mar Schasler.

Preis des Journals pro Quartal 1'/, Thlr. — Kreuzband - Abonnements werden nur bei Pränumeration auf den ganzen Jahrgang angenommen.

(Kedaetion und Expedition der Dioskuren: Villa Schasler bei Wilmersdorf, Berlin.)

Anhalt.

Korrcspondrnzcn: H. K. Wien, Ende Januar. (Aus dein Wiener Kunst- Lunjikritik: Kritische Wanderung durch die Berliner Ausstellungen. — Kunst
leben; Wanderungen. Schluß.) — * Breslau, Ansang Februar. und Kunstindustrie in der Weltausstellung. Von C. A. Regnet.

(Klemmt's „Babylon".) (Fortsetzung.)

ß»lt|l-<£l)mtilt: Lokalnachrichtcn aus Berlin, Hannover, Breslau, Leipzig ic. Limst-Äiistitutc n»l> -dereine: Königliche Akademie der Künste zu Berlin.

Korrespondenzen.

)e Jan. (Aus dem Wiener Kunst-
Wanderungen. Forts, u. Schluß.)
-auermann und Ranzoni lieferten
ssonyi's Exposition Thierstücke, die in
heimischen Kunst bald so häufig sein
wie in der niederländischen,
n deutschen Reiche finden wir Mün-
)orf und Berlin vertreten. Boecklin
hat ein Stück dargestellt, das kein
te jemals hervorbringen können. Das
etwas wahrhaft Deutsches: „Dieses
Mädchen einen Hasen tragend"! Der Kopf nnt den rothblonden
struppigen Haaren und den herkulischen Zügen.. . kann nicht einem
deutschen Dämchen, nein, kann nur einer Cheruskerfürstin eigen
sein. So mag Thusnelda ausgeschaut haben und nicht, wie Piloty
fie in seinem „Triumphzug" abgebildet hat! Der Pinsel wurde bei

diesem Gemälde mit germanischer Stärke geführt-und damit

ist Alles gesagt. Mit neudeutscher Milde und vielen feinen Nuancen
hat F. Kraus in Berlin seine zwei Salonbilder „Dame am
Schreibpulte" und „Stehende Dame" bearbeitet, beide mit viel
beschick gemacht. Und dennoch flößt das letztgenannte Bild ein
gewisses Unbehagen ein, das aus der Leerheit der Komposition
'entspringt und vielleicht auch von der Dame gefühlt wird, die weder
Friseurin noch Kammerzofe in Anspruch genommen hat.

Ich habe schon an anderer Stelle von der drohenden Kunst-
krise gesprochen, und will, der Wichtigkeit des Gegenstandes gemäß,
noch einmal derselben Erwähnung thun. Wenn es irgendwo eine
Börse geben möchte, die auch in Kunst „machte", so könnte man
derselben den Curs der wiener Kunst mit den Worten melden:
Geschäftslopgkeit, gedrückte Stimmung. Alles Andere treiben die
meisten unserer Maler, nur nicht das Malen. Den einen verleitet
die Zeit der schweren Noth dazu, das Künstlerbaret mit der Burschen-
mütze zu vertauschen; den andern verlockt die schwere Zeit der Noth,
statt Pinsels und Farben Feder und Tinte zu gebrauchen — und zu
kritisiren; den dritten bewegt die Noth der schweren Zeit, seine Kunst
den „besseren" wiener Witzblättern zu widmen; auf welchen Holz-
weg aber die schwere Noth der Zeit den vierten geführt hat — das
ist eine eigene Geschichte. — Die gefühlvollen Naturforscher früherer
Zeit fabelten und faselten viel... so auch, daß der Pelikan sich
„eigenschnäblig" die Brust ritze, um mit seinem Blute die Jungen
zu nähren. Was der Pelikan nicht thut, machen Künstler, die, um
das Schooßkind ihres eigenen Jchs, den Magen, zu nähren, keine
Minute säumen, die Brust der ganzen Künstlerschaft aufzureißcu,
und der gesammten Welt die Coulissengeheimnisse derselben — die
verständig angewendet und vorsichtig gebraucht angehen können, publik
geworden aber die Kunst und ihre Jünger prostituiren — zu zeigen.
So etwas that der erwähnte wiener Künstler, der noch dazu sehr
beliebt und einflußreich, bei allen Angelegenheiten der Kunstgenossen-
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