Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

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KunjMeraLur und Album.

I. Aimstlitcratiir.

Zesthetik — Geschichte — Technik.

unstdenkumlc und Alterthümer im Hannoverschen,
dargestellt von H. Wilh. H. Mithoff. III. Band:
Fürstenthum Hitdesheim nebst der ehemaligen freien
Reichsstadt Goslar. Mit Abb. auf 12 Tafeln und
in Holzschnitten. Hannover. Helwing'sche Buchhdlg.
1875. 252 S. 4. (Schluß.)

Viel schwieriger als in „Goslar" ist es in „Hildesheim", zu ermitteln,
was unser Vers. Neues hinzugesügt und wo er Jrrthümer verbessert hat:
deshalb schwieriger, weil die Fülle der Denkmäler so erstaunlich gross und
ihre Aehnlichkeit unter einander oft so bedeutend ist, daß Verwechselungen
um so leichter vorkonimen können, da der Ort, für den sie bestinimt waren,
wft nicht mehr der der jetzigen Aufbewahrung ist, sodann aber auch, weil der
Vers, hier mehr als anderswo durch den Druck oder durch Ueberschriften die
einzelnen Denkmäler hätte hervorheben müssen. Es ist überaus schwer, auf
Len 93 zweispaltigen Quartseiten jedes einzelne Denkmal herauszufinden.
Aber so viel geht aus der näheren Vergleichung mit Lotz und anderen Vor-
- gängcrn des Verfassers hervor, daß wir hier manche Beseitigung früherer Jrr-
thümer und falscher Angaben, sowie eine Fülle von Bereicherungen, uament-
lich in Betreff verschwundener Stiftsgebäude, Klöster, Kapellen und Hospitäler,
vor uns haben. Woran es dagegen auch hier bei manchen Denkmälern fehlt,
das ist die sichere oder muthmaßliche Datirung, sowie die Angabe der Literatur,
vor Allein derjenigen Publikationen, in denen die betreffenden Werke bereits
abgebildet sind, z. B. fehlen stets Förstcr's Deukniale der deutschen Kunst,
die aus Hildesheim Manches ausgenommen haben. Unter jenen Berichtigun-
gen erwähnen wir nur das Haupt des hl. Cantius im Dvmschatz, das nach
Lotz inschriftlich 1501 entstanden sein soll, während es 1501 nur restaurirt
sein kann; wichtiger aber ist die Beseitigung der irrthümlichen Angaben bei
Lotz über die hl. Kreuzkirche und über das Franciscancrkloster zu St. Martin
und die darin enthaltenen Denkmäler. In der Erklärung der einzelnen
Sccncn der bekannten Bernwardssäule (S. 133) hätte der Vers, wohl nicht
so unbedingt seinem Vorgänger Kratz folgen sollen; einzelne derselben sind
neuerdings in einer Monographie von E. O. Wiecker richtiger erklärt worden.

Unter den unserem Bande beigegcbencn 12 Steindrucktafeln sind 7 neu,
darunter besonders die interessante Fa?ade des Nolandshospitals zu Hildes-
heim, die übrigen sind der bereits 1865 erschienenen Schrift des Verfassers
„Kirchen und Kapellen im Königreich Hannover", 1. Heft, entnommen, ein
Merkchen, das nicht alphabetisch, sondern sachlich angeordnet, in mancher Be-
ziehung als Grundlage und Vorarbeit dieses Bandes der Kunstdenkmale
-dienen konnte. *

Die Entwicklung der Kunst in der Stufenfolge der einzelnen Künste
von Ludwig Noirö. — Leipzig, Verlag von Veit u. Co. 1874.

Der Verfasser, welcher sich bereits durch einige Arbeiten auf dem Ge-
biet der Philosophie und Pädagogik — am bekanntesten mögen wohl seine
Zwölf Briefe eines Shakespearomanen" sein — bekannt gemacht hat, glaubt
in obiger, nicht ganz 4 splendidgedruckte Octavbogen unifassender Abhandlung
das Geheimniß der zeitlichen Entwicklung der Künste und darauf hin die
Basis für eine logische Eintheilung derselben entdeckt zu haben. Da wir
selbst uns mit diesem Gegenstände vielfach beschäftigt und uns auch darüber
nicht nur in diesem Blättern (z. B. bei Gelegenheit der Kritik über Lotze's
.„Geschichte der Aesthetik in Deutschland" — s. „Kritische Streifzüge auf dem

Gebiet der Aesthetik" in No. 2—13. Jahrg. 1870) sondern auch in unserm
größeren Werke „Kritische Geschichte der Aesthetik" ausführlicher ausgesprochen
haben, so wird es uns der Verfasser nicht verdenken, wenn wir nicht ohne
Weiteres unsere eigens Ansicht zu Gunsten der seinigcn aufgeben können;
um so weniger, als er dieselbe keineswegs — wie cs doch bei solchen Prin-
cipienfragen unumgänglich — in objektiv wissenschaftlicher Form entwickelt,
sondern sie, in der Weise des phrasenreichen Eckardt, nur durch einige, zwar
mit großer Sicherheit vorgetragene, aber gänzlich unbewiesene Behauptungen
zu unterstützen versucht hat. Ohnehin ist Frage nach der Eintheilung und
Entwicklung der Künste keineswegs eine neue; allein, was frühere Aesthc-
tikcr über diesen Gegenstand gedacht und gesagt haben, was namentlich Hegel
und Bischer, von uns selbst zu schweigen, darüber vorgebracht, scheint der
Verfasser entweder gar nicht zu kennen oder er ignorirt es wenigstens völlig.
Doch würden wir ihm dies kaum zum Vorwurf geinacht haben — obschon
die Kritik eutgegcnstehender Ansichten immerhin das negativ bedeutsame Re-
sultat hat, daß der Boden von Vorurtheilcn und Einseitigkeiten gesäubert
wird —, wenn er nur mit um so größerer Strenge seine eigene Ansichten
principiell zu begründen versucht hätte. Aber wo er solchen Versuch macht
— und das geschieht eigentlich nur einmal — stellt er, ohne weitere Be-
gründung, ein Prineip auf, dessen Grundlosigkeit längst erwiesen ist. „Am
frühsten" — meint er (S. 5)— „waren wohl der Sinn für den Wohlgeschmack
und der Tastsinn zu Unterscheidungen von äußeren Gegenständen befähigt".
Auf diese gänzlich unbewiesene und ohnehin durch das hinzugefügte „wohl"
von ihm selbst als zweifelhaft hingestcllte Voraussetzung basirt er nun seine
ganze Theorie. Denn nach Eliminiruug des Wohlgeschmacks, der, „weil er
nicht interesselos gedacht werden kann", nicht zu schöner Kunst führen könne,
bleibt also als der erste Sin» der „Formsinn". Der Schluß dann, daß
die Plastik die erste aller Künste gewesen, scheint ihm ohne Weiteres selbst-
verständlich. Nach seiner Ansicht ist es nämlich der Tastsinn, (S. 9) „der uns
die Dinge in vertrauteste Nähe führt, die innigste Vereinigung zuläßt",
woraus dann weiter gefolgert wird, daß die Plastik „die Dinge in mög-
lichster Naturwahrheit darstellt". „Sie ist" — sagt er — „die treuste
Nachahmerin . . ., denn die wesentlichste Eigenschaft eines jeden Dinges ist doch
die Körperlichkeit..." u. s. f. Soviel Sätze, soviel Jrrthümer! — Wenn
der Mensch seinen Formcnsinn, statt durch das Auge, lediglich durch den Tast-
sinn, der nur Einzelnes begreift (dies Wort im eigentlichsten Sinne ver-
standen) ausbilden sollte, so würde er cs nie bis zu einer Kunst darin brin-
gen. Das Auge ist das erste und alleinige Organ für alle bildende Kunst,
und das Auge sieht nicht zuerst Formen, sondern Farben, und die Formen
selbst eher als Flächen denn als Körper. Die Form ist für die sich ent-
wickelnde Anschauung erst eine Abstraction der Farbcucrscheinung, eine ver-
mittelst der Erfahrung erlangte Erkenntniß des Räumlichen. Dazu, daß
eine Form als reine Form (ohne Farbe) vor- und dargestellt wird, gehört
eine weitere Entwicklung der Anschauung als zum rohen Nachmalen eines
gegenständlichen Bildes. Die „möglichste Naturwahrhcit der Dinge" für die
Anschauung ist ihre Farbe, nicht ihre Form, denn die Formen unterscheiden
sich für das Auge auch erst durch die Verschiedenheit der Färbung innerhalb
ihrer Grenzen. — Doch wozu diese längst bekannten Dinge hier des Wei-
teren wiederholen! Referirend führen wir, ohne weitere Kritik, an, daß der
Verfasser die zeitliche Entstehung der Künste so ordnet: 1. Plastik, 2. Archi-
tektur, 3. Malerei, 4. Musik, wobei Nr. 1 als die Hauptkunst der Griechen,
Nr. 2 als die des Mittelalters, Nr. 3 als die der Renaissance, Nr. 4 als die
der Gegenwart — wo bleibt dann die Poesie? — in Anspruch genommen
wird. Wir glauben kaum, daß wir hierzu noch etwas hinzuzusügen brauchen.
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