Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 19.1874

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trümmern, knorrigem Krummholz und vom Sturm oder wohl
auch vom Blitz gefällten Stämmen, zwischen gräulichen Schlüften,
Abstürzen und Felsplatten steht das Schachenhaus auf dem
äußersten Vorsprunge der Berglehne, welche, dem Wetterstein-
zuge anlehnend, die letzten grünen Matten trägt. Dicht dar-
über steigt die fahle, ernste Steinmasse empor zum vielzackigen
Grat, von dem ein jäh abfallender Fußpfad in's Leutaschthal
hinabführt. Das Königshaus am Schachen, erst kürzlich im
schweizerischen Gebirgsstyl erbaut, enthält ein Erdgeschoß mit
nur drei Zimmern und ein oberes Stockwerk mit dein Speise-
saal. Die Dekoration und Einrichtung der Gemächer ist im
maurischen Style gehalten. Die himmelblaue Decke des Speise-
saales ist mit goldenen Sternen übersäet, die den Halbmond
umgeben. Zu ihr empor steigt eines Springquells flüssige
Säule.

Im Innern des Lknderhofs Versailles, in dem des Schachen-
hauses Alhambra. Das sind Widersprüche mit der Außenseite
der Gebäude, die kein Mensch zu lösen vermag. Die Privat-
handlungen eines Fürsten entziehen sich freilich der Kritik, aber
vom Standpunkte der Kunst mag wohl ein objektiv gehaltenes
Urtheil über Das gestattet sein, was Fürsten mit Hilfe der
Kunst schassen. Ein solches Urtheil aber kann unmöglich günstig
ansfallen, wenn man an dem kaum umzustoßenden Grundsätze
festhält, daß ein Bauwerk in seiner äußeren Erscheinung den
Zweck ersehen lassen soll, dem sein Inneres dient. Deshalb

sind die architektonischen Formen einer Kirche andere als die
eines Theaters, die einer wissenschaftlichen Anstalt andere als
die eines Gasthauses.

Gegen dieses Prinzip verstieß schon König Maximilian II.,
als er in seiner vielbesprochenen Schöpfung, der Maximilians-
straße zu München, drei und mehreren Wohnhäusern eine ge-
meinschaftliche Fayade geben ließ, um so den Schein von Pa-
lästen hervorzurufen. Ja, in jüngeren Jahren hatte seine be-
wegliche Phantasie sogar von Mauern und Gewölben ans farb-
losem Glas geträumt, die des Himmels Blau und den Glanz
der Sonne durchdringen lassen sollten.

Die Zeitgenossen nannten seinen „neuen Styl" einen Jrr-
thum, und die Kunstgeschichte wird kaum ein milderes Urtheil
darüber fällen; noch viel schlimmer aber wird sie mit der
höfischen Bauweise seines Nachfolgers verfahren, welche die
Außenseite ihrer Werke sin kontradiktorischen Gegensatz zu ihrem
Innern setzt und im Linderhos wie im Königshaus auf dem
Schachen nichts anderes schuf als — Attrapen. Das aber ist
nicht minder ein Zeichen der Zeit als die Thatsache, daß die
von oben beschützte und beschäftigte Kunst ans das Albumblatt
beschränkt ist. Altmeister Goethe, dessen Worte ich dieser kurzen
Betrachtung vorsetzte, hat eben auch hier wieder das Rechte ge-
troffen; wir aber sehen, daß das Verkehrte im Erbgange an
Jntensivität nicht verliert, sondern vielmehr zunimmt.

X. Y. Z.

Korrespondenzen.

lincheii, 21. November. (Tod von Karl Heß.)
Am 17. d. M. starb der einst sehr anerkannte Genre-
und Thiermaler Karl Heß zu Reichenhall in Ober-
bayern im Alter von 73 Jahren. Er war 1801 zu
Düsseldorf am Rhein geboren, als der dritte Sohn
des dortigen kurfürstlich bayerischen Professors an
der Akademie der bildenden Künste, mit welchem, wie mit den
beiden älteren Brüdern, den nachmals berühmt gewordenen Peter
und Heinrich, er im Jahre 1806, nach der Verlegung der Akademie
und Gemäldesammlung, nach München übersiedelte. Die Familie
Heß gehört zu denjenigen Geschlechtern, welche der Kunst eine statt-
liche Anzahl wackerer Kräfte geliefert haben, vergleichbar den Adam's,
Qnaglio's, Zimmermann's, Meyerheim's u. A. Der Vater Karl
Ernst Christoph war ein trefflicher Stecher und Radirer; der älteste
Sohn, Peter, hat sich als Schlachten-, Genre-, und Pferdemaler,
der zweite, Heinrich, als Geschichts- und Bildnißmaler, letzteres
namentlich in früheren Jahren, ersteres auf dem religiösen Gebiete,
einen ehrenvollen Namen erworben. Peter hatte zwei wackere Maler
zu Söhnen, welche ihm im Tode vorausgingen, Eugen und Max.
Die einzig von der Familie noch überlebenden Glieder sind zwei
Söhne Heinrich's, ebenfalls tüchtige Künstler; der ältere, August,
ist Geschichtsmaler im religiösen Fach, der jüngere, Anton, Bild-
hauer. —

Karl Heß sollte, das war des Vaters inniger Wunsch, sich
der Kunst des Kupferstechens und der Radirung widmen. Darin
unterwies er ihn frühzeitig. Von dem guten Fortgang dieser Studien
liegt ein Belag u. A. in seiner sauberen Radirung nach Adrian
von Ostade's Originalgemälde „der goldzählende Bauer" vor. —
Neigung und Beruf entfremdete indeß den jungen Mann dem väter-
lichen Wunsch und führte ihn von Nadel und Stichel weg der Pa-

lette zu. Anfänglich widmete er sich dem Geschichtsfach. Aus
diesen ersten Jahren stammt sein großes Gemälde: „Der Cherusker-
bund gegen die Römer", bald aber lenkte er in das Genre- und
Thierfach, fortan seine wahre und ausschließliche Arena, über. Er
schilderte das Thun und Treiben in der deutschen, vorzugsweise
oberbayerischen Alpenwelt, Land und Leute, Menschen und Gethier
mit großer Feinheit und Treue. Der alte Münchener Maler Wagen-
bauer und sein eigener Bruder Peter waren ihm ans diesen Gebieten
Vorbild und Muster. — Bis etwa in die vierziger Jahre hinauf
lebte Heß in München, seiner zweiten Heimath, dann aber zog er
nach dem wildromantisch am Fuße der höchsten Alpenberge gelegenen
Neichenhall, wo ihn nach langem Leiden der Tod sanft abrief.

1?. K. München, Ende November. (Ausstellung im
Kunst-Verein. Forts.) Karl Herpfer wählt seine Motive mit
Vorliebe aus dem Gesellschaftsleben des vorigen Jahrhunderts und
versteht es, dieselben meistens ansprechend, wenn auch ohne gerade
tiefere Charakteristik vorzutragen. Dieses Mal brachte er nur eine
einzelne Dame im Zopfkostüm als „Briefschreiberin", deren Gedanken
im Augenblick sich wohl bei ihrem Herzallerliebsten befinden mögen.
Fast sämmtlichen Malern, die ihre Stoffe dem Zeitalter des Rokoko
entlehnen, ist es hauptsächlich mehr um das rein Aeußerliche, um
Kostüm und Beiwerk, als um die Schilderung eines inneren seelischen
Zustandes zu thun, was sich aber Beides recht gut, wie z. B. dies
Meissonnier öfter thut, verbinden ließe.

Interessanter tritt Lossow ans. Ein junges, noch in den
Flitterwochen stehendes Ehepaar, ebenfalls im Zopfkostüm, hatte eben
einen kleinen Streit. Das junge Stumpfnäschen im Reitkostüm ist
aber gar nicht Willens, der stärkeren Hälfte nachzngeben. Enge, wie
der Reithandschuh, den sie anzieht, hat sie wohl auch den Ehestands-
pantoffel ihrem Manne zngedacht, und wird dieser wahrscheinlich noch
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