Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 2.1898

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Deutsche Kunst und Dekoration.


EIN MOPERNES VAREMäUS IN BERLIN.


renn ich das Waren-
haus, das Professor
Alfred Messel für die
Firma Wertheim an
der Leipzigerstrasse
in Berlin erbaut bat,
modern nenne, so will
ich mit dem Worte
einen anderen Sinn
verbunden wissen als
ihm der allgemeine Missbrauch gegeben
hat. Den nämlich, den es allein haben sollte:
'l'tss hier ein Künstler einem neuen Bedürf-
nis eine neue Form gefunden hat. Er hat
die Konstruktion rein aus dem Zweck ab-
geleitet und die Kunstform rein aus der
Konstruktion.
Dadurch ist die Sache modern, aber es
lst schon falsch, das Prinzip modern zu
'"'"neu. Das Prinzip ist vielmehr uralt, ist
überall wirksam gewesen, wo gute Kunst
entstand. Es hat die Form des griechischen
Tempels und der christlichen Kirche, des
•tahenischen Palazzo und des nordischen
Hauses geschaffen. Nicht einmal die be-
Xvusste Erkenntniss des Prinzips ist so ganz
neu: Gottfried Semper, der viel genannte
Und wenig verstandene, hat es klar und

deutlich ausgesprochen. Ja noch mehr, auch
die Anwendung brauchte nicht erst von
England und Amerika importirt zu werden:
Semper selbst hat das Hoftheater in Dresden,
Franz Schwechten den Anhalter Bahnhof in
Berlin nach diesem Prinzip gebaut, und sie
haben auf diesen Gebieten Schule gemacht.
Neben sie stellt sich Messel mit seinem
neuesten Bau.
Pente, die Berlin nicht kennen, sind sehr
erstaunt gewesen, dass ein solcher Bau in
Berlin entstehen konnte. Sie haben damit
verrathen, dass sie, die sich anmassen, der
deutschen Bewegung Führer sein zu wollen,
von einer für ganz Deutschland hoch wich-
tigen Entwickelung eines Zweiges der
Berliner Architekten auch nicht die dürftigste
Vorstellung haben. Die Sache liegt nämlich
nur umgekehrt als sie glauben. Das Messel-
sche Haus konnte nur in Berlin oder
wenigstens nur von einem Berliner Archi-
tekten gebaut werden. Es hat in der Ent-
wickelung des Berliner Magazinbaues seine
Stelle, ist von anderen und von Messel selbst
vorbereitet worden, ist eben so sehr das
Ende einer alten wie der Anfang einer
neuen Epoche.
Die Anforderungen des modernen Handels

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