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Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 3.1898-1899

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https://doi.org/10.11588/diglit.6386#0300

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Germanischer Stil und deutsche Kunst.

267

PAUL STOTZ.

Laterne f. d. »Essener Hof*.. Vorhalle.

GERMANISCHER STIL UND
DEUTSCHE KUNST.

Tm Missverständnissen vorzubeugen und
* Wiederholungen zu vermeiden, scheint
es gerathen, den folgenden Untersuchungen
eine kurze Begriffsbestimmung dessen, was
darin unter »Stil« verstanden wird, vorangehen
zu lassen. Die höchste Blüthe der Kunst,
d. h. die vollendete Nachbildung des Schönen
in der Natur, hat keinen Stil, kennt keine
Unterschiede nach Zeit und Volk: die Meister-
werke von Phidias begegnen sich mit denen
von Thorwaldsen im gleichen Endziel. Welch
himmelweiter Abstand aber zwischen einem
griechischen Tempel und einem nordischen
Dom, Bauwerken, von denen doch jedes in
seiner Art eine hohe Stufe künstlerischer
Ausgestaltung erreicht hat. Was sie so ver-
schieden macht, ist eben ihr »Stil«, der nur
durch die geschichtliche und künstlerische
Entwickelung beider Völker, der Hellenen
und Germanen, verständlich wird. Die Götter

selbst, in denkbar schönster Menschengestalt,
bildet der wahre Künstler gleich im hohen
Norden wie an homerischen Gestaden, ihre
Behausungen aber, künstlerisch verklärte
Nachbildungen menschlicher Wohnungen,
grundverschieden. Wir sehen also, »Stil«
hat nur diejenige Kunst, die zur Herstellung
alles dessen dient, was wir zu des Lebens
Kampf und Arbeit, des Leibes Schutz und
Zierde gebrauchen, Waffen und Werkzeug,
Schmuck und Geschmeide, Gewand und
Geräthe, Haus und Hof. Immer und überall
wird all dies so gefertigt, wie es das Kind
von den Eltern, der Lehrling vom Meister
gelernt hat, wie es die besonderen Verhältnisse,
die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Völker
erfordern. Je länger und ungestörter daher
der Entwickelungsgang eines Volkes ist,
desto kräftiger wird sich in allem, und ganz
besonders auch im Kunststil, dessen Eigenart
ausbilden und ausprägen. Das Stilgefühl ist,

PAUL STOTZ. Kronleuchter f. d. »Essener Hof*

Schlafzimmer.
 
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