Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 20.1907

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Hebung der Studentenkunst.

er als Zeichenlehrer am Leipziger Real-
gymnasium, und Hunderte von Schülern, auch
der Verfasser dieser Zeilen, erinnern sich
noch gern der Stunden, die sie bei ihm im
Zeichensaale zubrachten. Daß Flinzer es wie
nur irgend einer versteht, zur Beobachtung
und zum Selbstschaffen anzuregen und Liebe
und Verständnis für das Schöne in Kunst
und Natur zu erwecken, muß mit Rücksicht
auf die scharfen Angriffe, welchen er in
neuerer Zeit als Pädagoge ausgesetzt war,
besonders betont werden. Solange er selbst
seine Unterrichtsmethode handhabt, merkt
man nichts von den Mängeln, die ihr nach
Ansicht mancher neueren Zeichenpädagogen
anhaften sollen. Für Flinzer ist der Zeichen-
unterricht ein wichtiges Mittel in erster Linie
zur Schulung des Verstandes, erst in zweiter
Linie des ästhetischen Gefühles. Der Schüler
soll mit vollem Bewußtsein, nicht nur gefühls-
mäßig, arbeiten lernen. Das vielumstrittene
Schlagwort »bewußtes Sehen« wurde von

Flinzer geprägt. Folgerichtig geht er beim
Unterrichte auf die allereinfachsten Aufgaben
zurück. Er verlangt an allgemein bildenden
Schulen nach Möglichkeit Massenunterricht,
d. h. eine möglichst gleichzeitige, gemeinsame
Belehrung der ganzen Klasse, wobei die
Schüler veranlaßt werden, ihre Aufmerksamkeit
jeweils ein und derselben Sache zu widmen wie
etwa beim Aktzeichnen in der Kunstakademie,
wo sämtliche Schüler ein und dasselbe Modell
benutzen und auf die Belehrungen acht geben,
die der Professor während der Korrektur laut
erteilt. Flinzer fordert von Anfang an größt-
mögliche Sorgfalt beim Zeichnen und die
Ausschaltung der eigenhändigen Korrektur des
Lehrers. Flinzer hat als einer der ersten
der Kopiermethode den Garaus gemacht und
dem Zeichenunterrichte eine sichere Grundlage
gegeben. Seine Artikel in »Troschels Monats-
blätter« 1866 und sein »Lehrbuch des Zeichen-
unterrichts an deutschen Schulen«, 1876, sind
epochemachend gewesen, o. scheffers-dessau.

HEBUNG DER STUDENTENKUNST.

Im Königl. Landes-Gewerbemuseum in Stutt-
gart fand kürzlich eine Sitzung statt, an
welcher nicht nur der Rektor bezw. Prorektor
der Landes - Universität Tübingen und der
Technischen Hochschule Stuttgart nebst meh-
reren Dekanen, sondern auch Vertreter aller
studentischen Korporationen der beiden ge-
nannten Hochschulen und verschiedene be-
kannte Künstler teilnahmen. Die interessanten
mehrstündigen Verhandlungen hatten ein wich-
tiges Resultat: Es wurde übereinstimmend der
Überzeugung Ausdruck gegeben, daß die
unsere Studenten heute umgebende
Kunst durchaus reformbedürftig sei,
und daß die Aktion, welche das Landes-
Gewerbemuseum in Stuttgart im großen Stile
einzuleiten plant, der allgemeinen Unter-
stützung sicher sein kann. Nachdem nun das
Projekt sowohl von künstlerischer als auch
von studentischer Seite lebhaften Anklang ge-
funden, hat sich die genannte Anstalt, unter-
stützt von den beiden erwähnten Rektoraten,
an sämtliche deutschen Hochschulen auch
außerhalb des deutschen Reiches gewendet und
ist eben damit beschäftigt, einen großen Ehren-
Ausschuß zu bilden, um das Unternehmen
auf eine möglichst breite Basis zu stellen.

Durch Veranstaltung eines Preis-Aus-
schreibens, welches voraussichtlich besser
dotiert sein wird, als es je ein kunstgewerb-

liches Preis-Ausschreiben war, und durch eine,
damit zusammenhängende, groß angelegte
Ausstellung in den Räumen des Stuttgarter
Landes-Gewerbemuseums event. auch in zwei
anderen Hochschulstädten, soll das Ziel erreicht
werden. Die Ausschreibungen bezw. Wettbe-
werb-Bedingungen werden in der nächsten
Zeit von Stuttgart aus allgemein zur Versendung
gelangen und jedem deutschen Künstler und
Kunstgewerbetreibenden, der sich diesbezüg-
lich nach Stuttgart wendet, sofort kostenlos
zur Verfügung gestellt werden.

Jeden deutschen Künstler und Kunstge-
werbetreibenden nämlich berührt diese Ange-
legenheit, so exklusiv sie auch im ersten
Augenblicke zu sein scheint. Offenbar nur
der Umstand, daß mit Ausnahme der Archi-
tekten die meisten anderen Künstler mit den
akademischen Kreisen bisher so wenig persön-
liche Fühlung genommen haben, ist schuld
daran, daß man sich ein Gebiet entgehen
ließ, auf dem nicht nur manche Lorbeeren
zu pflücken sind, sondern das namentlich für
die kunstgewerbliche Produktion auch nicht
zu unterschätzende materielle Vorteile in
sich schließt. Unsere Kunstgewerbetreibenden
mögen ja nicht denken, daß die viel ver-
breitete Anschauung, der Student wäre ein
schlechter Zahler, richtig sei. Man braucht
nur die Kataloge der Spezialfirmen von söge-

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