Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 20.1907

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Bruno Pauls Raumkunst auf der Berliner Kunst - Ausstellung.

BRUNO PAULS RAUMKUNST

AUF DER GROSSEN BERLINER KUNST-AUSSTELLUNG 1907.

Der neu ernannte Direktor an der
Unterrichtsanstalt des Berliner Kunst-
gewerbe-Museums hat im Sommer 1906
in Dresden und in diesem Jahr am
Lehrter Bahnhof Erfolge errungen, die, bei
gleicher Erfreulichkeit, sehr verschieden zu
bewerten sind. Auf der kunstgewerb-
lichen Ausstellung in Dresden erschien
er in einem, wenn auch nur sehr engen,
Kreise von Künstlern, die auf dem Felde
der allgemeinen deutschen Produktion
ihren Platz neben ihm behaupten. Dies-
mal in Berlin hat er leichtes Spiel. Wenn
auch das Vorhandensein ehrenwerter Ar-
beiten des einen oder andern nicht zu
leugnen ist, begegnet Bruno Paul hier
trotzdem keinem, der für seine absolute
Überlegenheit eine Gefahr würde. Auch
wenn ihm nicht die besondere Gunst
persönlicher und sachlicher Umstände zu
statten käme, wäre der Eindruck seiner
Arbeiten von dem der übrigen nicht
weniger verschieden, als es tatsächlich
der Fall ist. Denn zwischen ihm und den
anderen Ausstellern handelt es sich nicht
um einen Wettbewerb von Möbelkünstlern.
Vielmehr stellt er die Fragen der Wohnungs-
ausgestaltung in einer Allgemeinheit einer-
und einer Spezialisierung andrerseits, daß
es unter allen andern Ausstellern niemand
mit ihm aufzunehmen imstande ist.

Hinsichtlich der unmittelbaren Wir-
kungsmöglichkeit halte ich Pauls dies-

jährigen Erfolg für wichtiger und größer,
auch wenn er vielleicht lokal enger be-
grenzt bleibt. Gerade deshalb; denn die
Situation ist danach, daß es von höchster
Wichtigkeit ist, welchen Einfluß die
Berliner Produktion und damit der nun
einmal größte Markt des deutschen Kunst-
gewerbes gerade jetzt erfährt.

Berlins Rolle in der kurzen Geschichte
der kunstgewerblichen Reform ist nicht
unrühmlich, aber kompliziert. Sie war
von Anfang an höchst unruhig und von
so verschiedenartigen Einflüssen bestimmt,
daß es zu einer Konzentration bis heute
nicht gekommen ist. Über das Experiment
konnte man einstweilen noch nicht hinaus-
kommen. Während andernorts die Ungunst
der praktischen Verhältnisse die sehr
wohltätig langsame Herausbildung be-
stimmter Tendenzen und Charaktere för-
derte, war es hier ein überreiches Herbei-
strömen der Einflüsse und verschiedensten
Anregungen von überall her, was es zu
einer Consolidierung nicht kommen ließ.
Was auch hieran zum Vorteil im gewissen
Sinne hätte ausschlagen können, wurde
zum Nachteil durch die tragikomischen
Verwechslungen einer gewissen Wald- und
Wiesenkritik, die den wahllosen Liberalis-
mus vom Leitartikel in den Kunstbericht
verpflanzte und allwöchentlich den Beginn
neuer Kunstepochen von diesem Topf oder
jenem Kleiderhaken ableitete und prophe-

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