Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 20.1907

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Bemerkungen zu dem Modell einer Berg-Nekropole für Triest.

VON ARCHITEKT EMIL PIRCHAN.

Der Totenkultus quillt aus tiefstem, mensch-
lichstem Empfinden. Die Kunst soll
seinem Ausdrucke die Ständigkeit geben, der
P^rinnerung Dauer verleihen, ihr bleibt eben
das letzte Wort wo Natur in Staub zerfällt.
Da die Friedhofskunst den letzten sinnlichen
Ausdruck des abgeklärten Lebens nach dem
ebnenden Mysterium des Todes zum Vorwurf
hat, da sie vollbewußt zeitüberdauernd schafft
und so ihre Epoche vollkommener auszu-
drücken hat, muß sie in gesteigerter Kraft
bilden. Aus der Gleichheit schöpft sie die
Größe, aus zusammenklingenden Gedanken
und Gefühlen, aus menschlicher Empfindung
wird ihr die Kraft, die Heiligkeit des Ernstes
verleiht ihr die Würde: Größe und Kraft und
Würde gibt ihr die Monumentalität.

Alle lautere Friedhofskunst ist monumental
— war immer monumental, fn ihr krystalli-
siert die Seelenkultur — das Endergebnis aller
anderen Kultur — einer jeden Zeit. Vom alten
Morgenland bis — zu unseren Ur-Großeltern
waren die Begräbnisstätten durchglüht vom
innerlichsten Lichte" der Schönheit, umweht
vom höchsten Wollen der Kunst! . . . .

Das vollste Aufgehen in der Größe des
Gegenstandes, der heilige Schauer des ehr-
furchtsvollsten Empfindens, die überlegene

Wesensfassung der Gefühle, welche die italie-
nischen Friedhöfe erbaute, wurde mir zum
berauschenden Erlebnis, das Erlebnis zum
Gedanken, der Gedanke zur Form: so er-
träumte ich diese Totenstadt für Triest.

Das Modell formte ich nicht nach einer
Zeichnung, sondern ich begann in diesem
direkt mein Wollen zu formulieren und den
Anforderungen anzupassen. Die weiche Ton-
masse konnte ich vom Gedanken meistern
lassen: ich gliederte und glich ab, hob und
tiefte, teilte Flächen und Räume, gab Be-
wegung und Ruhe, einigte Vielheit durch
Rhythmus und band die einzelnen ganz ver-
schiedenen Probleme zu der Einheit des
Ganzen, die durchdrungen ist von der Sach-
lichkeit der Postulationen. Auf harmonisches
Spiel, Gegen- und Widerspiel der Umfassungs-
linien , auf formal angemessene Verhältnisse
und auf die richtige Impression der Massen
kam es mir hauptsächlich an, die ich in
diesem Modell zu finden suchte.

Am Monte Pantaleone, in angemessener
Entfernung von der Stadt hebt sich diese
Berg-Nekropole aus dem Meere. —

Zuerst mußten die Unregelmäßigkeiten des
Hügels auf die einfachst-angepaßten tekto-
nischen Verhältnisse gestimmt werden, denn

III
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