Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 20.1907

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Neuzeitliche Kunst-Bestrebungen in Württemberg.

PROF. HANS VON HEIDER—STUTTGART.

der Hand; aber auch hier verleugnet
sich nicht die einfache Ehrlichkeit dieser
Künstlernatur, die das Künstliche dämpft
bis es menschlich wird, und die Exterieurs
mit der leichten Hand behandelt, die das
Gesicht als die selbstverständliche Haupt-
sache in dem Bild erscheinen läßt.

Cissarz hat die Hoffnung, mit der er
vielleicht hierher gekommen ist, zu ruh-
igerem Schaffen im Sinne der höheren
Kunst Zeit zu bekommen, vorläufig sich
nicht erfüllen sehen. Er ist, abgesehen
von seinem Lehrauftrag an den Lehr-
und Versuchswerkstätten, auch hier buch-
gewerblich sogleich in Anspruch genommen
worden, und zwar von unserer größten
Verlegerfirma, der Union, dann auch
W. Speemann, von Julius Hofmann usw.
Im Augenblick ist er mit dem Entwurf
einer neuen Schrift mit dazugehörigen
Ornamentserien beschäftigt. Daneben
aber gehen seine alten Aufträge weiter.
Unsere Nummer enthält das schöne deko-
rative Bild, das er über eine Brunnen-
anlage im Hause Frank-Köln, zusammen-
wirkend mit Mosaiken und darum in
breiter mosaikartiger Technik gemalt hat
(s. die Abbildung S. 114). Die Abbildung
läßt wohl die Farbengegensätze, ins-
besondere die starken Unterschiede von
Warm und Kalt, die für die Stimmungs-
wirkung so wichtig sind, nicht in vollem
Maß zur Geltung kommen. Dagegen er-
weist die Figur mit den tiefen und groß-
gefaßten Gesicht in ihrer naturhaften Ruhe
auch in der Reproduktion ihre mächtige
Wirkung. Noch manches ist in diesem
Hause zu tun, in dem Cissarz die gesamte

Aus der Brunnenhalle im Kgl. Wildbad.

dekorative Ausstattung der Haupträume,
Gemächer, Glasfenster, Mosaik und Plastik
übertragen ist. Zugleich wird der Künstler
durch eine Arbeit für ein Landhaus
Klingspor in Offenbach stark in Anspruch
genommen, Garten anlagen, Innendeko-
rationen, Anbauten —; für die Firma
dieses Namens hat er ja auch die Aus-
stellungskoje in Dresden und Frankfurt
gemacht. Es ist keine Frage, daß auch
die Einheimischen sich in immer weiteren
Umfang dieses fruchtbaren und vielseitigen
Talents bemächtigen werden. Aber fast
möchte man es bedauern, wenn der
Künstler dadurch von jenen phantasievoll
aufgefaßten Meer- und Dünenbildern
abgelenkt würde, die ihm schon so viele
Freunde gewonnen haben. Er empfindet
in ausgezeichnetem Maße die eigentüm-
liche Poesie von Meer und Strande, und
wenn ihm eindringendes Studium noch
etwas mehr von dem rein sinnlichen Reize
gibt, den wir an der Landschaft ungern
vermissen, wird die Frische seiner künst-
lerischen Phantasie ihn gewiß auf diesem
Gebiete zu ungewöhnlichen Leistungen
befähigen.

Es geht also auch in Stuttgart vor-
wärts und manche hoffnungsreichen Keime
eines neuen Aufschwunges erfreuen den
Kunstfreund. Aber vieles bleibt noch
zu tun. Hoffen wir, daß das einmütige
Zusammenwirken des Herrschers, der
Regierung und der Künstlerschaft das
Land zu energischen Anstrengungen fort-
reißen wird, sich ebenbürtig neben den
anderen Stämmen Deutschlands zu be-
haupten. DR- MAX DIEZ—STUTTGART.

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