Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 20.1907

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Dresdner dekorative Malereien.

PROFESSOR OTTO GUSSMANN—DRESDEN.

Dekoratives Zwickel-Gemälde.

Im Sitzungssaal des Ministeriums in Dresden.

DRESDNER DEKORATIVE MALEREIEN.

Durch das ganze vergangene Jahrhundert
hat sich wie ein tragisches Streben,
die Sehnsucht nach einer dekorativen
Wandmalerei hindurchgezogen. Von Asmus
Carstens über Overbeck und Cornelius bis
zu Feuerbach, Gesellschap und Wislicenus
hat es immer Künstler gegeben, die fernab
von den eigentlichen künstlerischen Bestre-
bungen ihrer Zeit darauf ausgingen, jene große
Monumental-Wandmalerei wieder ins Leben
zu rufen, die die große Zeit der italienischen
Kunst von Giotto bis Michelangelo geschaffen
hatte. An Aufgaben, an Wünschen, wo
diese Meister ihre Kraft erproben konnten,
hat es hierbei nicht gefehlt. Die seit der
Freizügigkeit einsetzende Massenkonzentration
der Menschen in den Großstädten ließ
überall mächtige Bauten entstehen, deren
Säle, Vestibüle, Treppenhäuser das für die Aus-
bildung einer solchen Malerei geeignete Feld
gewährte. Auch an Opferwilligkeit von Seiten
der offiziellen Mächte des Staates fehlte es
nicht: das 19. Jahrhundert, das man keines-
wegs ein künstlerisches nennen wird, hat,

1907. X. 5.

summa summarum, mehr Kunst produziert,
als irgend ein spezifisches Kunstzeitalter vor-
her. Wenn dennoch die Bemühungen dieser
hochstrebenden Künstler keinen vollen Erfolg
gehabt haben, wenn in dieser Zeit kaum eine
monumentale Wandmalerei entstanden ist, auf
die wir noch heute mit Freude zurückblicken,
so muß dies besondere Gründe gehabt haben.

Es waren zunächst anerkanntermaßen die
großen Vorbilder der Vergangenheit, die
lähmend wirkten und allen diesen Schöpfungen
von vornherein den Geist der Freiheit raubten.
Kopistentum rächt sich immer. Dann fehlte
so oft der Sinn für ein Element der deko-
rativen Kunst, das nicht zu ihren unwirk-
samsten gehört, mit dem der echte Künstler
vielmehr Wunderdinge zu verrichten vermag, der
Sinn für die Farbe, der gegenüber ja der größte
Teil der Künstler des 19. Jahrhunderts sich
so seltsam befangen benommen hat. Und
schließlich, wo war in dieser Zeit der aus-
schließlichen Kunst der Statuen und Staffelei-
Gemälde , in dieser Zeit, die alles »Kunst-
gewerbe« so unbegreiflich gering erachtete, daß

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