Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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KINDER-KLEIDCHEN.

Dafür kann ich die Hand auf den Rost legen,
daß ich keine Mama bin. Eigentlich aber
sollten nur baby umkränzte Mamas über Kinder-
kleidchen eine Meinung schreiben. Also: ich
spreche als Laie; vielleicht könnte ich aber
demnächst um einiges zuständiger sein, soweit
nämlich ein Vater das zu werden vermag.
Jedenfalls, um allen Vorwürfen vorzubeugen:
ich finde die Kinder entzückend, wenn sie nur
nicht wie liliputane Modedamen aufgemacht
wurden. Davon halte ich garnichts. Mich er-
innert solch ein bachstelzendes Journalpüpp-
chen (mit geschnürter Taille, Jupons und Feder-
hut) immer an ein geputztes Äffchen. Ich meine
auch, daß ein so bewik-
keltes Kind nicht recht
froh zu sein vermag; es
wird dauernd um sein
neues Sonntagnachmit-
tags-Ausgehkleid in Sor-
ge sein. Und auch die
Eltern werden ewig acht
zu geben haben. Das
finde ich langweilig. Ich
denke: daß das Kleid
des Kindes wegen da
ist und nicht umgekehrt.
Also hat es sich der
Lebensart solch eines
jungen Menschen anzu-
passenundmuß geeignet
sein, etliche Tollheit
mit Anstand zu ertra-
gen. Es braucht nicht
unbedingt den Dornen
widerstehen zu können;
aber es muß dem Kinde
jederzeit gestalten, sich
frei und schön zu be-
wegen. Die Zwangs-
jacken seien getrost den
Erwachsenen und Ver-
ständigen verwahrt. Das
Kind braucht Raum und
Gelenksamkeit; es wird
schon früh genug seinen
Packen bekommen, so
mag es heute noch von
jeder überflüssigen Last
verschont bleiben. Das
Kinderkleid sei ein Mi-
nimum. Es sei leicht an-
zuziehen, mühelos abzu-

streifen, ohne Gebrauchsvorschrift zu tragen und
leicht zu reinigen. Es sei von gesunder Quali-
tät und dennoch billig, weil aller leerer Putz ver-
mieden blieb. Die Stoffe müssen den porösen Ge-
weben gehören und dürfen nicht hochflorig sein;
Damaste und Plüsche sind ungeeignet. Kinder
bedürfen der ungehinderten Hautatmung. Lein-
wand, besonders Rohleinen, Barchend, Batist,
Tuch, für festliche Gelegenheiten Seide, das
sind die rechten Materiale. Und farbig sollen
Kinderkleider sein, wenn nicht weiß oder bast-
hell. Zuweilen sind gewiß auch Schwarz und
andere Finsternisse zu dulden; indessen an
irgend einer Lustigkeit darf es auch dann nicht
fehlen. Das Kind soll
durch sein Kleid nicht
eitel werden; aber es
darf seines Kittels oder
Röckchens sich freuen.
Eine Borte, ein wenig
Wollstickerei, die Kan-
ten oder die Nähte be-
tont, die Konstruktions-
linien umstochen, das
reicht schon hin, um
die Aufmerksamkeit der
jungen Augen zu locken.
Daß aller Schmuck nach
den Gesetzen der Tek-
tonik und des Rhythmus
anzubringen ist, bedarf
keiner Mahnung. Im üb-
rigen: Kinder sind wie
Blumen; so dürfen ihre
Kleidchen getrost etwas
Ländliches, Bäuerliches
haben, etwas von der
Anmut blau und gelb
besternter Wiesen. Kin-
der sind wie Schmetter-
linge, so dürfen ihre
Kleidchen etwas Flatt-
riges und Wiegendes
haben, etwas Schillern-
des, etwas von der
diskreten Musik des
Kolibri - Gefieders. —
Von Kinderkleidchen
solcher Art wurde uns
neulich eine kleine
Wahl gezeigt. Frau
Anna Muthesius, Frau
Annemarie Pallat, Frau

K. K. KUNSTGEWERBE-SCHULE-WIEN. KLEIDCHEN.
GRÜNE SEIDE MIX BUNTEM EINSATZ.

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