Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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GROSSE KUNSTAUSSTELLUNG DUSSELDORF.

PLASTIKEN VON PROF. FRZ. METZNER - BERLIN.

MODESTRÖMUNGEN IN DER KUNST.

Mode, Modeströmungen in der Kunst — man
traktiert sie als verächtliche Nichtigkeiten,
und schon die Namen sind Schimpfnamen, aber
immerhin, es sind Mächte. Sogar die stärksten
Mächte, die bewußt auf den Menschen, auf
den Künstler einwirken.

Vor allem die Pilatusfrage: wo hört die
„Modeströmung" auf, wo fängt die (berechtigte)
„Zeitströmung" an? Und was macht zwischen
beiden den Unterschied? Ist es nur die Stärke
oder der Erfolg oder irgend eine tiefere, ver-
nunftgemäße oder kulturelle Rechtfertigung?

Immer wieder kommt man vor dieser Frage
ins Grübeln. Höchst seltsam, wie alles irgend-
wie Seiende und kräftig an die Wahrnehmung
Herantretende überredend, ja überzeugend auf
den Menschen wirkt, vor aller Prüfung auf
Kern und Berechtigung. Das ist ja die Grund-
tatsache in der Psychologie der Mode: Was
des Menschen Augen sehen, was seine Ohren
hören, was andere tun und was hundertmal
des Tags durch die Gassen läuft, das empfiehlt

sich uns, das lädt uns zum Anschluß und Bei-
fall ein. „Mit dem Schwert beweist derSkythe"
— ja, das gilt doch wohl allgemeiner als bloß
für wilde Zeiten des Werdens und Umgestaltens.
Recht, Vernunft! Es ist ganz fraglos, daß bei-
spielsweise zahlreiche Sprachunarten, Mode-
wörter, Sprachgebräuche trotz offensichtlicher
Vernunftwidrigkeit, trotz heftigster Bekämp-
fung in die Sprache eingedrungen und Gesetz
geworden sind. Das Recht selbst, der bestellte
Hüter der formalen Prinzipienstarre, es kennt
ein Beugen vor dem bloßen Gebrauch (Gewohn-
heitsrecht) , ja vor nackter Rechtswidrigkeit
und vor rechtsfremden Tatsachen, bloß weil es
Tatsachen sind (Ersitzung, Verjährung).

Und nun wieder die Modeströmungen in der
Kunst: Sollte nicht auch hier der Erfolg einiges
zu „beweisen" vermögen? Und sind die Künst-
ler zu schelten, die sich vor einer Mode beu-
gen, bloß weil diese Mode mit tausendzüngig
überredender Phänomenalität triumphierend
durch die Ausstellungen geht?

1913. XI. 3.

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