Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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KLEINE KUNST-NACHRICHTEN.

MÄRZ 1913.

»ERLIN. Die Corinth-Ausstellung, die Paul
Cassirer in den Räumen der Secession ver-
anstaltete, bestätigte, was wir längst wußten. Wir
sahen einen Akademiker, der die Grenzen des Er-
lernbaren durchbricht, wenn ihn die Fleischeslust
packt. Wir sahen einen Maler, der spät zu sich
selber kam und der nun hinter Wildheit ein Be-
dürfnis nach Schönheit verbirgt. Es lägt sich nicht
leugnen, daß die Sammlung dieses Lebenswerkes
imponierte (sie füllt acht Säle); wenn man aber bei
einiger Distanz zurückdenkt, möchte man fürchten,
dag in zwanzig Jahren dieser Corinth nur sehr
gesiebt noch standhalten wird. Ähnlich steht es um
Max Beckmann. Dessen (des Dreißigjährigen)
Lebenswerk sahen wir im Salon Cassirer. Wir
meinen, daß Beckmann ein interessanter und geistig
komplizierter Mensch ist. In ihm gewittert ein Echo
von der Dramatik Dostojewskis; er trägt schwer
am Dasein. Am überzeugendsten sind seine
Versuche, dem Vorbilde Manets nachzustreben.
Bei Cassirer gab es auch Baum und Bakst zu
sehen. Paul Baum ist uns seit langem bekannt;
er hat sich wenig verändert. Vielleicht, daß sein
Fleiß und die liebevolle Hingabe an eine innerlich
empfundene Natur ein wenig bereits unter Alters-
erscheinungen zu leiden beginnen. Die mühsame
Technik des Tupfens von Gegenfarben weiß er zu
meistern; er zeichnet die zartesten Bewegungen
eines Grashalmes und die komplizierte Verzwei-
gung eines Baumes. Er zeichnet, um zu zeichnen.
Von Bakst amüsierte ein Reigen graziöser Wollust.
Sinnlichkeit nimmt immer gefangen, auch dann,
[ wenn sie nicht eigentlich aus dem Blute, vielmehr
I aus dem Intellekt und der Müdigkeit erlesener
[ Kultur hervorquillt. Wie die Sinnlichkeit des Blutes
l sich manifestiert, das sehen wir bei Max Pechstein
[ dessen legte Arbeiten im Salon Gurlitt gezeigt
[ wurden. Man mag gegen diesen Neuen noch so-

■ viel an kritischen Einwänden vorbringen; das eine
f wird ihm keiner bestreiten können: er ist ein Maler

von Geburt. Ihn regiert eine gesunde Animalität,

■ eine Animalität der Form, die nicht müde wird,

■ den Rhythmus zu erjagen. — Daß Slevogt in die

■ Nationalgalerie einzog und also das Hausgeseß,

■ das die Secessionisten nach Möglichkeit verbannte,

■ durchbrochen wurde, ist ein beachtenswerter Er-
£ *olg des neuen Direktors Justi. Der „Andrade"

■ weist alle Vorzüge einer modernen lllustrations-

■ kunst, wie sie Slevogt durch rein malerische Mittel

■ bis zum Ausdruck gespannter Kraft und fast monu-

■ mentaler Elastizität zu steigern weiß. Breuer.

BE

ERLIN. Kollektiv - Ausstellung des Kubisten
Alfred Reth. Neben seinen oft die äußer-
sten Grenzen des Verständlichen überschreitenden
Arbeiten stellt Reth impressionistisch gemalte Bilder
aus, die in jedem kleinstädtischen Kunstsalon, ohne
Anstoß zu erregen, Unterkunft finden könnten.
Was seine Arbeiten über das Durchschnittsmaß
der kubistisch-futuristischen Experimente erhebt,
ist das ernsthafte Ringen des Künstlers nach
der geistigen Erkenntnis aller Dinge. So ist es
auch zu erklären, daß er bald die Wege des Ku-
bismus, bald die des Futurismus, sowie die des
gemäßigten Expressionismus beschreitet. Durch
die Mittel des leßteren erreicht Reth seine künst-
lerisch wertvollsten Resultate.

In seinen figürlichen und landschaftlichen Kom-
positionen gibt er neue Werte, die auch neben den
Meisterwerken des Expressionismus nicht ver-
schwinden. Am besten sind ihm einige Hafenbilder
mit am Kai vor Anker liegenden Segelbooten ge-
lungen. Die feuchte Luft des grauen Regentags
legt sich sogar auf den Beschauer mit erdrücken-
der Schwere, während ein kalter, nasser Wind
fröstelnde Schauer in die Segel trägt. Reth ver-
sucht auch zeitliche Eindrücke, wie sie die Dichtung
und Musik gibt, durch die Mittel der bildenden
Kunst zu schildern. Zu diesem Zweck löst er die
Gegenstände in nebeneinandergestellte kinemato-
graphische Erscheinungen auf, über die das Auge
in einer bestimmten Zeit hingleiten soll, womit er
ein Bild von der Aufeinanderfolge der einzelnen
Phasen der Beobachtung vermitteln will. Dieser
Versuch muß notwendigerweise zu grotesken Ver-
zerrungen führen. Dennoch aber ist er nicht im-
stande, Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Bestre-
bungen Reths aufkommen zu lassen. dr g.

L!1

Ä

E1PZ1G. DerKunstsalon P.H. Beyer&Sohn bot
im Februar einige kleinere Kollektionen: von
dem Münchener Landschafter Hans Heider, der in
seinem gemäßigten Impressionismus eine ähnliche
Rolle spielt wie die Gebrüder Hübner, Klein-Die-
pold etc. in Berlin, weiterhin eine Anzahl Figuren-
bilder und Stilleben vonLotharBechstein, einem
noch jungen und begabten Münchner. Der Leip-
ziger Eugen Hamm, ohne Zweifel ein Talent,
dient noch immer fremden Göttern. Früher war
es Corinth, dem er Opfer brachte, jetjt ist es
Renoir geworden; ein Renoir, der vielleicht frischer
wirkt, als das Original, aber auch bunter geworden
Weinzheimer, der in den Berliner Seces-

ist.

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