Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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KLEINE KUNST

JULI

FEST-DEKORATION. Die Berliner Architekten
wollten das Jubiläum des Kaisers nußen, um
einigen Straßen und Plänen zu einer künstlerisch
wertbaren Festdekoration zu verhelfen. Das war
keine leichte, fast eine gewagte Aufgabe. Die
Berliner Luft und das Temperament dieser ironi-
schen Norddeutschen sind wenig geeignet, um das
Pathos des Jubels sich entfalten zu lassen. Gewiß,
man hängt Fahnen heraus, windet einige Guirlan-
den und stellt Gipsbüsten in die Schaufenster. Aber
es fehlt die kollektive Begeisterung, die mit natür-
licher Gewalt und darum einheitlich hervorbricht.
An guten Einzelheiten hat es bei früheren Anlässen
nicht völlig gemangelt; der Stadtbaurat Hoffmann
gab dem Pariser Plaß feierliche Würde, Messel
schmückte seinen Wertheimbau, und früher schon
hatte Wallot wirksame Straßendekorationen zu
scharfen gewußt. Was aber nie erreidit werden
konnte, das war: eine Gesamtwirkung, ein organi-
siertes Aufflammen der Festesfreude. Diesmal
nun wollten einige Architekten es wagen, die me-
chanische Gewöhnung der Vielen zu einer schönen
Einheit zu fassen. Es sollten sich die einzelnen
Häuser dem Thema der Straße fügen; statt der
bunten Willkür sollte die Monumentalität groß-
zügiger Gedanken herrschen. Was zustande kam,
bewies nur an wenigen Stellen ein Gelingen sol-
cher Absichten. Der Schwierigkeiten waren zu
viele. Nur wenige Tage sollten hinreichen, um die
Dekorationen zu erstellen; die vorhandenen Gelder
waren knapp; das Wetter erschwerte die Arbeit im
Freien durch Sturm und Regen. So kam es, daß
der Chronist nicht vom geschmückten Berlin, son-
dern nur von einigen wohlgelungenen Teilergeb-
nissen zu berichten vermag. So bleibt zu loben,
daß Ernst Friedmann den lustigen Einfall
hatte, die Königgräßer - Straße ganz in Blau zu
kleiden. Mit sehr bescheidenen Mitteln, mit Bän-
dern und Schleifen, war es gelungen, den Straßen-
wänden Zusammenhang zu geben; die Betonung
der Kreuzungen verstärkte die Wirkung solcher
Einheitlichkeit. Durch die gleiche Methode, im Detail
wesentlich reicher, wirkte Möhring, der die Leip-
ziger-Straße zu versorgen hatte. In gleichmäßigen
Abständen waren Guirlanden über die Straße ge-
spannt; die Mittelachse bekam durch große vom
Scheitel des Grünbogens abwärtshängende Fahnen
eine besondere Betonung. An den Eingang der
Leipziger-Straße hatte Möhring eine Ehrenpforte
geseßt; er hatte die beiden Schinkelschen Tor-
häuschen gerüstartig überbaut und diese farbig
behangenen Türme durch ein aus Guirlanden ge-
flochtenes Neß mit einander verbunden. Recht be-

NACHRICHTEN.

1913.

achtenswert war die Ausschmückung der Universität,
des ihr vorgelagerten Plaßes, der alten Wache und
des Opernhauses. Dieser Komplex war Heinrich
Straumer zugeteilt worden. Purpur und Gold
bestimmten den Gesamteindruck, der dadurch, daß
Straumer sich der gegebenen Architektur Untertan
machte, eine wohltuende Klarheit und starken Zu-
sammenhalt bekam. Das gewählte Rot empfand
man als ein sinnliches Vergnügen. Es war festlich
und pathetisch. Durch die großen Massen, in
denen man es zu sehen bekam, wurde es zum ent-
scheidenden Eindruck, den das dekorierte Berlin zu
vergeben hatte. r. Br.

£

STUTTGART. Große Kunst-Ausstellung.
Theodor Fischers monumentaler Kuppelbau
des Kgl. Kunstgebäudes in Stuttgart wurde am
8. Mai mit einer Kunstausstellung eröffnet, die zu
den gediegensten und bestversehenen dieses kunst-
reichen Ausstellungsjahres gehört. Man hat sich
bei der Auswahl der beiläufig achthundert Kunst-
werke auf der Linie des gemäßigten Fortschrittes
bewegt, das heißt in jener Richtung, die für die
süddeutschen Sezessionen seit einem Jahrzehnt
die bestimmende ist. Das hinderte allerdings nicht,
auch einige sehr rechtsstehende Künstler, wie den
alten Stuttgarter Professor Friedrich v. Keller auf-
zunehmen, andererseits aber auch auf so fort-
schrittliche Geister wie Beckmann, Pechstein, Brock-
husen und Rösler, selbst auf Picasso mit Stolz
hinzuweisen. Von den bewährten, gestandenen
Meistern des Sezessionismus fehlt fast keiner, und
ihrer mancher hat sich zu der Weihe des Stutt-
garter Kunsthauses mit einem besonders charakte-
ristischen Werk eingefunden. So Stuck, Becker-
Gundahl und Ludwig Herterich aus München, deren
monumentale Tafelbilder die Dominanten der großen
Kuppelhalle bilden. Recht tapfer hält sich die Schar
der schwäbischen Künstler, die Landenberger, Haug
und Hölzel ins Treffen führen. Feine Porträts
sandten Pankok und Weise, der einst bei der
Münchner „Scholle" sich an großen Formaten und
illustrativen Stoffen berauschte. Zierlichkeiten, die
sich an die niederländischen lntimisten anzuschließen
scheinen, stammen von Schmoll von Eisenwerth.
Faure verharrt in seinem mystischen Braun, das so
eminent artistisch ist. Altherr, den man als Nach-
folger Friedrich v. Kellers nach Stuttgart berief, wird,
das bezeugen seine Werke auf dieser Ausstellung,
für Stuttgarts Kunst einen höchst wertvollen Kraft-
zuwachs bedeuten. Molfenter und Grimm sind
verheißungsvolle junge Leute. In Julius Hess wächst
ein Stillebenmaler heran von den künstlerischen

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