Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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Kleine Kunst-Nachrichten.

ist lockerer und vereinfachter, als man bei ihm zu
erwarten geneigt ist. Eine ernste Harmonie von
Violett, Grün und einem grauen Braun unterstürjt
den seltsamen Ausdruck dieses Kopfes mit den
geschlossenen Augen und dem gelben Inkarnat. —
Bei Beyer sieht man neuere Arbeiten des Düssel-
dorfers Alfred Sohn-Rethel, eine Überra-
schung: man erinnert sich, noch vor einigen Jahren
in peinlicher Zeichnung durchgearbeitete Köpfe von
ihm gesehen zu haben. Inzwischen ist er in Paris
ein Expressionist geworden. In den Bildern aus
dem Jahre 1911 treten nur wenige farbige Werte
von stumpfem Ton auf, geschmackvoll harmonisiert,
und das sind in der Tat qualitätvolle Arbeiten von
sehr modernem Aussehen. ewald bender.

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WIESBADEN. Das neue städtische „Kaiser-
Friedrich - Badhaus" wurde lerjthin dem
Verkehr übergeben. Indem wir uns vorbehalten,
dem Werk des jungen Stadtbaumeisters Pauly
und seines künstlerischen Mitarbeiters für den Innen-
ausbau, des Malers und Innenarchitekten Hans
VöIckers, eine umfassende Würdigung zuteil
werden zu lassen, sei hier nur konstatiert, daß die
Wiesbadener allen Grund haben, sich dieser neuen,
leider an ungünstiger Stelle belegenen Bereicherung
des Stadtbildes zu freuen. Beide Künstler, die
auch schon bei Erbauung der Friedhofskapelle mit
Erfolg zusammen wirkten, haben hier ein vollgül-
tiges Zeugnis ihrer nicht gewöhnlichen Begabung
erbracht. — Gemäß den besonderen Verhältnissen
der Kurstadt konzentriert sich das öffentliche Kunst-
leben hier auf Frühjahr und Herbst. Heuer hat
die Wiesbadener Gesellschaft für bildende Kunst
ihre Saison mit einer Angelo Jank- und Richard
Kaiser-Ausstellung im Festsaal des Rathauses er-
öffnet. Jank hat sich — übrigens mit glänzendem
Erfolg — dem reinen Impressionismus zugewandt:
anstelle seiner großen dekorativen Jagdstücke mit
dem vielen Rot sind kleinformatige Schilderungen
aus dem Leben der reitenden Waffen getreten, die
viel mehr nach Berliner wie nach Münchner Se-
zession ausschauen und Luft-, Licht- und Bewe-
gungs-Probleme ganz impressionistisch behandeln.
Kaiser, der sich in diskreter Weise von den neuen
koloristischen Tendenzen befruchten ließ, hat etwas
sonntäglich Feierliches, das manchmal an Claude
Lorrain erinnert und sich in den besten seiner
großen Tafeln zu ergreifender Wirkung steigert, g.
Ä

CHEMNITZ. Das städtische Museum hat zwei
neue Erwerbungen zu verzeichnen. Aus der
Friß Mackensen-Ausstellung wurde die „Wöchnerin"
angekauft, die für das Schaffen dieses Künstlers
recht charakteristisch ist. Weiterhin erwarb der
Ausstellungsleiter der „Kunsthütte" im Auftrage
der Stadt auf der Versteigerung der Galerie Günz-

burger in München die Landschaft „Blümlisalp"
von Ferdinand Hodler. Diese beiden Werke
fügen sich der Sammlung, die bereits eine recht
gute Auswahl von Werken moderner Künstler be-
sißt, sehr vorteilhaft ein. — Von den laufenden
Ausstellungen der „Kunsthütte" ist die der expres-
sionistischen „Sema" zu nennen. Eugen Zak
und Edwin Scharff lernte man durch diese Aus-
stellung besonders schärjen. Wenn der Expressio-
nismus die Blüten, die er bis jerjt angeseßt hat,
erst zur völligen Reife gebracht haben wird, werden
wir auf dem Wege zu einer neudeutschen Kunst
um einen bedeutsamen Schritt weitergekommen
sein. Der Kunstsalon Gerstenberger brachte
in leßter Zeit Hans Beatus Wieland. Anfang Mai er-
öffnete der im Vorjahre begründete „Erzgebirgische
Künstlerbund" in den Räumen des Kunstsalons seine
erste Wanderausstellung. wolf henry Döring.

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HAIDA. Die k. k. kunstgewerbliche Fachschule
für Glasindustrie hat kürzlich eine Kollektion
reichgekugelter Gläser geschaffen und durch Joh.
Oertel & Co. auf den Markt bringen lassen. Einige
der Vasen sind auf S. 216 wiedergegeben. Auffällig
ist zunächst, daß die Schmuckformen nicht ihrer selbst
willen aus den Glaswandungen herausgearbeitet
erscheinen und auch nicht zur Betätigung einer
schwierigen Technik ausgeführt wurden. Alle Ar-
beit ist vielmehr auf die Erzielung einer befrie-
digenden Gesamtwirkung eingestellt, und offensicht-
lich geht das Bestreben dahin, eine schöne Einheit
zu schaffen zwischen dem Schliff und den Rest-
partien der Oberfläche der Gläser. Ein reiches
und interessantes Spiel von positiven und nega-
tiven Formen kommt dabei zustande: bald wirken
die vertieften und bald die stehengebliebenen Form-
elemente. Die Wirkung erfährt noch eine Steigerung
durch die neuartige Anwendung verschiedenartiger
Schichten farbigen Überfangglases. Meist durch-
dringt der Schliff die beiden Deckschichten und
legt den Kristallkörper des Objekts wieder frei.
Dann sind alle Zierformen von einer farbigen Kontur,
der Farbe der unteren Überfangschicht, umfaßt.
Aber gelegentlich wird auch nur die obere Deck-
schicht entfernt, um der Farbe der Unterlage einen
größeren Anteil an der Gesamtwirkung zu geben.
Die liebevolle Ausführung, die die Firma Joh. Oertel
& Co. den Arbeiten gibt, lassen die Bestrebungen
der Fachschule bestens zur Geltung kommen, st.

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NOTIZ. Zu der Unterschrift der Fassade im
Aprilheft Seite 34 ist zu bemerken, daß das
Urheberrecht zwischen Regierungsbaumeister a. D.
Wollenberg und Baurat Martens streitig ist. Die
Feststellungsklage, die Herr Martens erhob, wurde
in zwei Instanzen abgewiesen; der Rechtsstreit
schwebt jerjt beim Reichsgericht. - d. r.

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