Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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HAUS HERZBERG IN ESSEN AN DER RUHR.

ARCHITEKT PROFESSOR EDMUND KÖRNER—DARMSTADT.

Es ist vielleicht heute gar nicht mehr beson-
ders nötig zu betonen, daß das bisherige
Vorurteil, das man draußen der Industriemetro-
pole und Kanonenstadt Essen an der Ruhr ent-
gegenbrachte, ganz falsch ist. Veröffentlichungen
der neuen Essener Architekturen, der Villen-
kolonien und Monumentalbauten, der Krupp-
schen Arbeiter- und Beamtenkolonien haben der
Stadt in dem weiten Umkreise der rheinisch-
westfälischen Industrie eine baükünstlerische
Vormachtstellung geschaffen, den Ruf einer
wohlgepflegten Wohn- und Baukultur, die den
benachbarten Städten — die Kunst- und Garten-
stadt am Niederrhein, Düsseldorf, nicht ausge-
schlossen — um mehr als Pferdeslänge voraus-
eilt. In die düster und rußig verschriene In-
dustriemetropole finden heute auswärtige Ar-
chitekten, Kunstfreunde und Städtebauer ihren
Weg, und ich entsinne mich noch mit beson-
derer Befriedigung, daß die vielen Architekten,
die im vergangenen Jahre die große Düssel-

1313. XII. 3.

dorfer Städteausstellung besuchten, höchst
überrascht vor das von der Stadt Essen gelie-
ferte Material ihrer letzten Bauentwicklung
traten und im Anschluß an die Ausstellung
an Ort und Stelle diese neue Phase des Stadt-
ausbaues zu studieren suchten.

Es ist in der Tat erstaunlich, was in den letz-
ten zehn Jahren aus einer bisher unansehn-
lichen Industriestadt geworden ist. Von 1900
bis 1912 wuchs die Bevölkerung von 200 000
auf mehr denn 300000 Einwohner. Heute mag
sie 400 000 zählen. Sie sah jährlich etwa tausend
Neubauten entstehen. Die Nachbarstädte zeigen
zwar die Gefahr eines so wuchernden Wachs-
tumes. Ihre Vororte, Arbeiter- und Beamten-
kolonien, über Nacht entstandene Wohnstätten,
die das Unternehmertum geschaffen, sind in
den seltensten Fällen künstlerische Gebilde,
meistens nichts als Ansammlungen von Men-
schen. Was ihnen fehlt, ist die belebende Hand
der Kunst, mag ihre Kanalisation noch so vor-

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