Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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Deutsche Kunst undfranzösische Kunst.

richard gessner.

BESITZER: H. LEMPENAU-HOEEN.

»aus mazedonien«

der demütigen Miene des Almosenempfängers
gekommen, der sich mit den Brosamen be-
gnügte, die von des reichen Herrn Tische
fielen. Statt vieler Worte bedarf es nur eines
Hinweises auf den Skulpturenschmuck unserer
frühgotischen Dome. Das ist wahrlich
nicht erbettelt, es ist erarbeitet und er-
kämpft! Deutsche Gefühlstiefe und klas-
sisch-französische Form haben sich hier
aufs innigste durchdrungen, nicht nach dem
Verhältnis von Nehmen und Geben, sondern
nach dem der vollen Gleichberechtigung
beider Kontrahenten. Und Ähnliches gilt auch
für die zahlreichen späteren Stoffverbindungen.
Das Rokoko der deutschen Klöster und
Residenzen ist etwas ganz anderes als der-
selbe Stil in seinem französischen Ursprungs-
land. Es ist bewegter, glühender, inner-
lich reicher, mit einem Wort: romantischer
als bei unsern selbst in der Ausschweifung noch
maßhaltenden westlichen Nachbarn. Und eben-
so wird kein Einsichtiger sich die Blöße geben

wollen, die deutschen Maler des 19. Jahrhun-
derts, einen Leibi oder Thoma etwa, ihrer
Pariser Schulung wegen mit ihren französi-
schen Zeitgenossen zu verwechseln.

Worin aber besteht nun dieses Klassische,
das in der Tat für die französische Kunst cha-
rakteristisch zu sein scheint? Mit Recht gilt
Frankreich noch heute als der eigentliche Hüter,
als Verwalter und Mehrer des von der Spätan-
tike den Mittelmeer-Nationen vererbten Kunst-
geistes, der die Beziehungen zwischen dem Ich
und der Welt nach verstandesmäßig ge-
wonnenen, feststehenden Gesetzen regelt und
auch mit Strenge ihre Befolgung überwacht.

Die mittelalterliche Philosophie der Schola-
stik, die scharfsinnig ein Glied aus dem andern
entwickelte Systematik der gotischen Baukunst,
der Akademismus eines Poussin und Ingres
und neuerdings der Kubismus der Leger und
Braque: sie konnten in ihrer stark intellek-
tuellen Bedingtheit in keinem andern Lande ent-
stehen als in Frankreich, (schluss auf seite 231.)
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