Krumm, Carolin [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 13,2): Region Hannover: nördlicher und östlicher Teil; mit den Städten Burgdorf, Garbsen, Langenhagen, Lehrte, Neustadt a. Rbge., Sehnde, Wunstorf und den Gemeinden Burgwedel, Isernhagen, Uetze und Wedemark — Hameln, 2005

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GESCHICHTLICHER UND ARCHITEKTURGESCHICHT¬
LICHER ÜBERBLICK

Geschichtlicher Überblick und politische Gliederung
Als der römische Schriftsteller Tacitus seine „Germania“ im Jahr 98 nach Christi Geburt
verfasste, siedelten offensichtlich die Cherusker als ein westgermanischer Stammesver-
band in den Regionen des heutigen Kreisgebietes Hannover. Die nachfolgenden, von
räumlichen Verschiebungen der Stämme, Zu- und Abwanderungen geprägten
Jahrhunderte umschreiben die Geschichtswissenschaften recht anschaulich als
„Völkerwanderungszeit“, eine Zeit der Bewegung, sicherlich auch der Konflikte, aber
auch des friedlichen Miteinanders. Unter den wandernden Völkern traten damals bald
die Sachsen hervor, die im dritten nachchristlichen Jahrhundert ihr holsteinisches
Herkunftsgebiet verließen und bis 350 n. Chr. sogar über den Niederrhein vordrangen.
Obwohl von einer straffen Organisation wohl abgesehen werden muss, band offensicht-
lich eine übergeordnete Stammesföderation die ansonsten ohne festen Zusammen-
schluss nebeneinander bestehenden Volksstämme, wie beispielsweise die überlieferten,
jährlichen Stammesversammlungen erkennen lassen. Aus ihrer Zeit stammt auch die
Einteilung des Siedlungsraumes in so genannte Gaue als von natürlichen Grenzen
umschlossene Gebiete.
Erst gegen Ende des 8.Jh. (ab 772) wurden die Sachsen durch Karl den Großen nieder-
gerungen, nicht aber vernichtet. Vielmehr wurde das sächsische Gebiet im Zuge der
fränkischen Herrschaftspolitik, die die Eingliederung der Gaue in das fränkische Reich
zum Ziel erhoben hatte, im Jahr 782 in Grafschaften unterteilt und diese der Führung
sächsischer Grafen unterstellt, so dass sich beispielsweise aus dem Gau Flutwide die so
genannte „Grafschaft über dem Moor“ entwickelte. Dennoch galt die Frankisierung erst
802 und damit nach über dreißig Jahren der in die Geschichte als Sachsenkriege ein-
gegangenen kriegerischen Auseinandersetzungen als beendet. Unter dem Schutz der
neuen Grafschaftsverwaltung trieb die Reichspolitik fortan die Christianisierung voran,
die schon 803 in die Gründung des Bistums Minden (Gebiete westlich der Wietze) und
815 in die Gründung des Bistums Hildesheim (Gebiete östlich der Wietze) einmündete;
das um 871 vom dritten Mindener Bischof eingerichtete Kanonissinnenstift zu „vuonhe-
resthorpe“ (Wunstorf) gehört hierbei ebenfalls zu den frühesten Stiftsgründungen in der
Region. In diese Zeit der Neustrukturierung und der forcierten Missionierung datieren
auch frühe Bemühungen, dem waldreichen Gebiet neue Siedlungsplätze durch intensi-
ve Rodung abzuringen.
Nach dem Zerfall des Frankenreiches traten die Sachsen gestärkt und gleichberechtigt
neben den deutschen Stämmen der Baiern, Franken und Schwaben hervor und stellten
sich mit der Wahl des ersten deutschen Königs 919 (Heinrich I. aus dem sächsischen
Grafengeschlecht der Ludolfinger) sogar an die Spitze der vier.
Dementgegen erhielt das um Lüneburg begüterte sächsische Geschlecht der Billunger
von Kaiser Otto dem Großen königliche Rechte zugewiesen; die fortan als „Herzöge in
Sachsen“ geführten Billunger besitzen in ihrem Erben Lothar von Süpplingenburg wohl
ihren bedeutendsten Vertreter, zumal er mit seiner Wahl zum deutschen König 1125
(Lothar III.) Stammesherzogtum und Reichsgewalt in einer Hand vereinigte. Erst mit dem
Erbschaftsantritt des eingeheirateten Herzogs von Baiern begann die welfische
Regentschaft in Niedersachsen, die allerdings mit der kaiserlich verfügten Teilung
Sachsens und dem Sturz Heinrich des Löwen 1180 einen kräftigen Rückschlag hinneh-
men musste (westlicher Teil an Köln/Westfalen; östlicher an die Askanier).
Die zwischenzeitliche Schwächung der Welfen stärkte wiederum die alteingesessenen
Grafengeschlechter der Region, die insbesondere im 12. und 13.Jh. eine intensive
Kolonisationspolitik betrieben. Bis zum Untergang des Grafengeschlechts von Wölpe
um 1300 oder Verkauf der Grafschaft von Wunstorf-Roden an die Welfen im Jahr 1446
entstanden stetig neue Siedlungen im Zuge der so genannten „Binnenkolonisation“, die
nunmehr bislang gemiedene Flächen wie Höhenlagen und dichte Waldgebiete für die
wachsende Bevölkerung erschloss. Damals entstand wohl auch ein Großteil der regio-
naltypischen Hagenhufendörfer als in den Wald (Hagen) geschlagene Schneisen mit
gleichmäßig großen Wohnparzellen (Hufen) und eigenem Hägerrecht, mit denen der
Niedergang zahlreicher Waldgebiete und damit auch der Bedeutungsverlust der Holz-
wirtschaft und der Waldweide parallel verlief.

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