Rüttgerodt-Riechmann, Ilse [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 5,1): Landkreis Göttingen: Stadt Göttingen — Braunschweig, 1982

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dadurch differenzieren sich sowohl der
Grundriß als auch die Dachform. Eine wei-
tere Variation dieses Typs bildet Nr. 47 von
ca. 1896, an dem dertraufständige Teil prak-
tisch zu einem weiteren Anbau an einem gie-
belständigen Baukörper zurückgebildet ist.
Häufig finden sich an den Häusern Veranda-
vorbauten. Der Dekor assimiliert Elemente
der Weserrenaissance, an Nr. 29 finden sich
gotisierende Formen.
Von diesen Häusern unterscheidet sich das
auf der südöstlichen Ecke zur Calsowstraße
stehende anspruchsvolle Mietwohnhaus Nr.
31 aus den späten achtziger Jahren (das
Dach vermutlich um 1910 verändert), das
symmetrisch angelegt und von der rückwär-
tigen Südseite erschlossen ist; die Hauptfas-
sade wendet sich zur Calsowstraße.
An den meisten Eckhäusern des Friedländer
Weges erstaunt die für das ausgehende
19. Jh. ungewöhnliche Gleichgültigkeit
gegenüberderstädtebaulichen Situation an
einer Straßenkreuzung. Lediglich den
Gebäuden auf der Nordost- und Südwest-
ecke Friedländer Weg/Am Steinsgraben
(Friedländer Weg 63 von ca. 1900 und Am

Friedländer Weg 63, ca. 1900


Bismarckturm, Architekt Gerber, 1892/95


Steinsgraben 8 von 1897) gab der Architekt
die zeittypische Gestalt der Ecke und der
Fassaden.

Um 1900 forcierte man in dem Gebiet des
südlichen Friedländer Weges/Am Steinsgra-
ben/Geismar Landstraße/westliche Quer-
straßen den Bau von Mehrfamilienhäusern
z. T. für bescheidene Ansprüche. Gleichzei-
tig entstanden jedoch auch anspruchsvol-
lere, große Mietwohnhäuser: z. B. Am Wei-
ßen Steine 3 und 5, ein verputztes Doppel-
haus von ca. 1905 mit Natursteinteilen und
Zierfachwerk und mit einer imponierenden
Einfriedigung, und Nr. 13 von ca. 1906/07,
ebenfalls ein Putzbau mit Naturstein, mit
interessanter, vom späten Jugendstil beein-
flußter Fassadengestaltung.
Bis in die frühen zwanziger Jahre stagnierte
die Besiedlung des Restgebietes östlich
vom Friedländer Weg; dann bebaute man
den Ostabschnitt der Calsowstraße (s. o.),
die südliche Merkeistraße, David-Hilbert-
Straße mit Ein- und Mehrfamilienhäusern
und, beginnend mit den dreißiger Jahren,
das Gelände des ehemaligen Barackenlaza-
retts. An der Westseite der Münchhausen-

Am Weißen Stein 3/5, ca. 1905


Hainholzhof, Ende 19. Jh.


Bismarckstein, 1901/02


Straße überwiegen charakteristische Rei-
henhäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg
entstanden u. a. typische mehrgeschossige
Zeilen am oberen Teil Am Steinsgraben usw.
Heute ist das gesamte Ostviertel bis an den
Waldsaum und bis zur ehemaligen Geisma-
rer Gemarkung, wo sich ebenfalls Neubau-
gebiete anschließen, besiedelt.
HAINBERG, WARTEBERG, KLEPERBERG
Holz holten die Göttinger Bürger seit jeher
(1252 durch Herzog Albrecht bestätigt) aus
dem „Hinteren Hainholz”, dem heutigen
Göttinger Wald. Die östlich der Stadt gelege-
nen Kalkberge dagegen waren jahrhunder-
telang kahl. Auf ihnen standen drei Warten:
am Warteberg, am Hainholzhof und auf dem
heutigen Kasernengelände am Lohberg.
Außerdem fanden sich hier bis ins 19. Jh. die
Weideplätze, vor allem für Schafe, Ziegen
und Schweine.
Im Zuge der Weiterentwicklung der Forst-
wirtschaft unternahm man 1775-82 und
1822 erste Aufforstungsversuche, die
jedoch wegen der Beweidung scheiterten.
Mitder Ablösung derSchäferei1871 initiierte
Bürgermeister Merkel die erfolgreiche
Bewaldung des Bereichs, die ab 1876 der
neu gegründete Verschönerungsverein
unterstützte. Heute bietet sich das Gebiet,
erschlossen durch die Herzberger Land-
straße, die 1914-16 angelegte Bismarck-
straße und zahlreiche Wege, als ein z. T.
parkartiger Wald dar.
Es findet sich hier an der verschwundenen
Warte seit 1766 der Hainholzhof, dessen
Betreiber 1801 die Schankerlaubnis für Bier
und Branntwein erhielt. Damit entstand
eines der ersten Ausflugslokale in der Göt-
tinger Umgebung (vgl. Reinhäuser Land-
straße, Landwehrschenke), das im Revolu-
tionsjahr 1848 als Versammlungsort eine
gewisse Bedeutung hatte.
Um 1810 brach man die verfallene Warte ab
und verwendete die Steine fürein Haus, das
vor der späteren Kegelbahn liegt. Die übri-
gen Gebäude stammen aus dem späten
19. und frühen 20. Jh.
Außerdem stehen hier an Gebäuden das
Walderholungsheim von 1928, zwei wissen-
schaftliche Stationen (Stern- und Sonnen-
observatorium von ca. 1930 und ca. 1944)
und das Geophysikalische Institut (s. o.,
Herzberger Landstraße).
Der Verschönerungsverein stattete das
Gebiet mit zahlreichen Gedenksteinen,
-bänken, -tafeln, Brunnen usw. aus. Die bei-
den wichtigsten Bauwerke in diesem
Zusammenhang sind der 1892-95 von C.
Rathkamp nach Plänen von Gerber am Kie-
perberg aufgeführte Bismarck-Turm - eine
Stiftung der Bürger - und der 1902/03 nach
dem gemeinsamen Entwurf des Göttinger
Stadtbaumeisters F. Jenner und des hanno-
verschen Bildhauers Massier am Warteberg
errichtete Bismarckstein - ein Geschenk der
Studentenschaft in Erinnerung an ihren ehe-
maligen Kommilitonen.

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