Fliegende Blätter — 34.1861 (Nr. 809-834)

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Die kleinen Selbstherrscher.

(Fortsetzung.)

Außer dem Hofrath von Nüßler, dessen vielfach be-
wegtes Leben der Leser in den „geheimen Geschichten und
räthsclhasten Menschen" ausführlich beschrieben findet,
war die Schloßwirthschafterin Katharina die bcmcrkenswer-
thcstc Person und cs erfreute sich Letztere der besonderen Gunst
der Herzogin, welche bei jeder ernsten Angelegenheit Katha-
rinen'S Rath in Anspruch nahm und deren Sohn an ihrem
Hose die Stelle eines herzoglichen Leibschützcn bekleidete.

Gleich der Herzogin hielt aber auch der Dbristlieutenant
von Flemming aus Weisfig seinen eigenen Hofstaat, doch war
derselbe militärisch eingerichtet. Flemming selbst war ein Sondcr-
l ling eigner Art, ein Gemisch von Härte und Gutmütbigkeit,

■ stolz aus seine rcichsfrcihcrrlichen Rechte und in dem festen
l Wahne, auf seinen Gütern ebenso herrschen zu können, als sein
: Landesherr, der Churfürst von Sachsen und König von Polen.

Als Schriftsteller war er zu seiner Zeit durch zwei von ihm
erschienene Schriften: „der Jäger" und „der Soldat"

in den höheren Kreisen bekannt und bespöttelt worden, noch
mehr aber hatte seine Soldatcnspiclcrci die allgemeine Auf-
merksamkeit aus sich gezogen, und wer zu jener Zeit nach
Weiffig gekommen wäre, der würde sicher geglaubt haben, mitten
im Frieden, in ei» von feindlichen Kriegsleuten besetztes Dorf
zu kommen. Das Schloß selbst sah einem Zeughaus äbnlichcr
als einem Herrensitze. Zehn Stück Geschütze von verschiedenem
Kaliber standen im Vorhosc desselben ausgestellt, dreißig Doppel-
Haken und hundert Flinten hingen an den Wänden der Halle,
welche mit Trommel», Trompeten und Standarten geschmückt
war. Ein abgcdanktcr sächsischer Lieutenant fungirtc als Haupt-
mann und Schloßcommandant, sämmtliche Bauern Wcissigs
waren unisormirt und die zablrcichc Dienerschaft, von welcher
fünf ein Musikchor bildeten, bei welchem auch ein Dudclsack,
i» Gestalt eines Wolfes mit gläsernen Augen, thätig war,

figurirtc als Leibgarde des Dbristlicutenants. Täglich wurden
Schildwachen an den Grenzen des Weichbildes ausgestellt,
Mittags zwölf Uhr fand Parade statt und bei Geburtstagen
und andern Festlichkeiten mußten die Bauern vor de» Schloß-
gästcn im Feuer ererzircn.

Ein Pistolenschuß zum Fenster hinaus, war für de»
Schloßhauptmanu das Zeichen, sich sofort zu seinem Gebieter
zu begeben, und sowie die Herzogin von Sachscn-Wcißenscls
bei feierlicher Gelegenheit von ihrem Hofstaat begleitet erschien,
so trat Flemming in gleichen Fällen mit militärischem Ge-
folge aus. In Zeiten nachbarlichen Einverständnisses war es
oft vorgckommcn, daß die musikalische Dienerschaft des Dbrist-
licutcnants bei den Gcsellschaftsabcndcn und Bällen der Her-
zogin aufgcspielt und Flemming, um der Herzogin den aufrich-
tigsten Beweis seiner Hochachtung zu geben, ließ zum Geburts-
tage derselben seine Bauern bis nach Drehna und daun vor
dem herzoglichen Schlosse im Parademarsch vorüberziehen.

Dieses freundliche nachbarliche Eiuvcrständniß war aber
schon seit längerer Zeit nicht mehr vorhanden, und die Ver-
anlassung zu der feindlichen Kälte, mit welcher gegenwärtig
die beiden Herrschaften sich einander gegenüber standen, war >
ein nur wenige Acker großes Waldstück, welches den Namen
„Hochbusch" führte und aus einige» Baumgruppen und einer '
Lache bestand. Beide Besitzer behaupteten, daß dieses Waldstück
ihr Eigenthum sei, und da eine Entscheidung von der Obcr-
landeSregicrung zu Lübben, bei welcher die Herzogin klagend
eingckommcn, hinsichtlich dieser Streitfrage noch nicht erfolgt
war, so behandelten Beide den Hochbusch als Eigenthum und
steigerten dadurch gegenseitig den stillen Groll zu immer hcf- I
tigcrer Erbitterung, denn gleich der Herzogin gab auch Flein- !
ming nicht ein Haar breit von dem nach, was er mit Recht !
behaupten zu dürfen glaubte und jeder Vorschlag zu einem '


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