Fliegende Blätter — 43.1865 (Nr. 1043-1068)

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Halb eilf Uhr Vormittags. Sänger stöhnt erwachend: „Verdammtes Hundsvieh, Pollux gehst' runter, marsch ganz
abi, allons hust —" Mutter: „Was giebt's denn?" Sänger: „Thuant ma do dea verfluchte Hund abi, der liegt mer so
schwer auf de Füaße." Mutter: „No, nv, Du mnaßt gnat dra si, hat der die dreketen Stiefel a, a prächtiger Hund, seall."

Die gute

i. Htttcr Sirdrrmann's Rede an seinen Sohn bei dessen
Abgang auf die Universität.

„Lieber Sohn! Äch, die gute alte Zeit, die gute alte
Zeit, die kommt nicht wieder! Heutzutage ist die Jugend so
ganz anders als damals, da hättest Du uns jungen Leute
sehen sollen, den ganzen Tag haben wir gearbeitet; nur
alle Sonntage einmal erlaubten wir uns ein kleines Vergnü-
gen, da hielten wir denn unser Geld hübsch zusammen und
machten keine Schulden; die Liebe kannten wir vor unserem
dreißigsten Jahr kaum dem Namen nach: ach, das ist heute
anders; als Tertianer lest ihr Romane ans der Schulbank
und raucht heimlich Cigarren, als Primaner seid ihr schon
ein Dutzendmal verliebt gewesen, und ans die Universität
geht ihr schon halb blasirt; da aber denkt die heutige Jugend
auch nicht viel an's Arbeiten, den ganzen Tag liegt sie in
Kaffeehäusern und Kneipen oder gar ans der Mensur. Und
dabei will Jeder den noblen Herrn spielen, trägt einen
Schnurrbart und macht wie ein Baron Schulden. die der
arme Papa bezahlen muß; ein Glück noch, wenn so ein
Bursche im letzten Semester noch ein paar Brocken Gelehr-
samkeit aufschnappt und zur Noth durch's Examen kommt.
Ach, wir lebten auf der Universität nur der Wissenschaft!
— Damit Du aber bei einer so gefährlichen Umgebung
wenigstens eine Stütze hast, gebe ich Dir einen Empfehlungs-
brief mit an meinen alten Schulkameraden den pensionirten
Oberförster v. Kummerfeld; das ist noch eine gute treue
Seele, so recht aus der guten alten Zeit!"

alte Zeit.

II. Noch Äbgabe des Empfrhlliugsschreibrns.

Pensionirter Oberförster v. Kummerfeld : „Also Sic sind
der Sohn meines alten lieben Biedermann', ei, das freut
mich sehr! Ist der Papa denn noch hübsch frisch und munter?
— Na, wir Beide haben zu unserer Zeit auch unsere Jugend
genossen, d i e Streiche, die wir machten, macht uns die heutige
Jugend nicht nach; ja damals das war noch eine gute alte
lustige Zeit! Schon in der Schule waren wir ein Paar
Mordkerle; als Tertianer lasen wir Schillers Räuber, die
wirkten ans uns besser als der 6aesar de bello Gallico;
eine ganze Woche lang haben wir uns damals als Räuber
Herumgetrieben im Holz, kein Mensch wußte wo >vir steckten!
Und erst unsere heimlichen Zusammenkünfte, wo wir aus
des Großvaters silberbeschlageucn Meerschaumpfeifen rauchten ;
das war was Anderes als Eure lumpigen Cigarren. Später
aber erst auf der Universität, da ging das rechte Leben los;
ja, Sie sehen es uns alten Knasterbärten nicht an, was wir
für Schockschwerenöther waren; alle Mädchen waren in uns
verliebt und alle Bursche fürchteten unser Rappier; an's
Arbeiten wurde freilich nicht viel gedacht, aber dafür hatten
wir unsere Jugend genossen. Ja, heute ist das ganz anders,
da müssen die armen Jungen schon vom achten Jahre an
den ganzen lieben Tag auf der Schulbank sitzen und immer lernen,
immer lernen, wo soll da die Kraft bleiben! Auf den Universitäten
sieht man deshalb auch so viele bleiche verbüffelte Kerle, ohne
allen Lebensmuth. Ach die schöne, lustige, gute alte Zeit!"

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Objekt
Titel: Fliegende Blätter
Detail/Element: "Nach einem Sängerfest im Vorarlbergischen"
Künstler/Urheber: Kögler, Kaspar  i
Inv.Nr./Signatur: G 5442-2 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
Schlagwort: Mutter <Motiv>  i
Karikatur  i
Sängerfest  i
Empörung  i
Aufwachen <Motiv>  i
Bett <Motiv>  i
Stiefel  i
Sänger <Motiv>  i
Vorarlberg  i
Satirische Zeitschrift  i
Herstellungsort: München  i
Bildnachweis: Fliegende Blätter, 43.1865, Nr. 1043, S. 7
Aufnahme/Reproduktion
Urheber: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
HeidICON-Pool: UB Fliegende Blätter  i
Copyright: Universitätsbibliothek Heidelberg
Bild-ID HeidIcon: 145251
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