Fliegende Blätter — 43.1865 (Nr. 1043-1068)

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Bädeker ziini»!'.

(Fortsetzung.)

Lange hölzerne Figur mit wenig Grazie in der Haltung,
stechende Augen, schwarzes Haar, Alles traf zu; selbst ein
ganz artiges Schnurrbärtchen war vorhanden und, was zu
beachten war, sie reiste mit einer Gesellschafterin. Konnte es
Bädeker nicht so weit treiben, selbst unter dem Jncognito
eines Frauenzimmers zu reisen? In der Welt ist heut zu
Tage nichts unmöglich, nichts unglaublich. Kurz er widmete
ihr die größte Aufmerksamkeit und die zartesten Rücksichten,
was der Dame durchaus nicht mißfiel. Aus diesem Jrrthum
ward er erst am andern Tage aufgerüttelt, als der Ehemann
der Dame ankam, sie abzuholen.

Hierher kam nun gegen Abend der Staatsanwalt mit
zwei anderen, wie es schien zusammengehörigen Reisenden
im Hütelwagcn angefahren. Der Wirth selbst bewillkommnete
ihn zwar an der Thür, widmete sich aber zunächst den beiden
Andern und ließ ihn durch den Zimmerkellner in ein nur
nothdürftig meublirtes Zimmer nach hinten hinaus führen.
Er konnte ja der erwartete Bädeker sun. schon deßhalb nicht
sein, weil er allein kam.

Der Staatsanwalt hatte, wie wir bereits wissen, eine
lange Statur; ihn setzten die Wirthshaus-Betten nicht selten
wegen ihrer Kürze in Verlegenheit. Es war daher immer
seine erste Sorge, sich von der Beschaffenheit des Bettes zu
unterrichten. Zu diesem Behuf maß er die Länge und Breite
Und prüfte, ob gute Roßhaarmatratzen und eine Steppdecke
darin enthalten und ob die Bettwäsche rein und trocken war.
Bei dieser Beschäftigung überraschte ihn der Wirth, der die
beiden Fremden bald als Geschäftsreisende erkannt hatte, das
Fremdenbuch in der Hand, um sich den Namen und Stand
des Gastes zu erbitten. Die Beschäftigung, bei der er den
Unbekannten traf, mußte ihm auffallen und ihn sofort an

!

die Aufmerksamkeit erinnern, die Bädeker den Wirthshaus-
betten widmet. Er roch Lunte. Sein Verdacht stieg, als
sein Gast kurzweg in das Fremdenbuch einschrieb: „Müller
von Teplitz kommend." Der Wirth zitterte vor Aufregung,
als er's las und prüfte dabei das Aeußere seines Gastes
mit wahren Polizeiaugen; lange hölzerne Figur, stechende
Augen, schwarzes Haar, ein Schnurrbart, Alles paßte, und
als in diesem Augenblicke der Staatsanwalt an seinem Barte
zerrte, da blieb ihm nur noch ein Zweifel, nämlich der, daß
er allein, ohne seinen Reisegefährten, den Secretair ange-
kommen. Er konnte ein gewöhnlicher Teplitzer Badegast sein.
Es galt nun, solches näher zu ermitteln; zu diesem Behuf
fing er ein Gespräch mit ihm an.

„Ich.sehe, Sie kommen von Teplitz, Herr Müller; war
die Saison recht belebt?"

„O ja! es waren viele Badegäste dort!"

„Ist Ihnen das Bad gut bekommen?"

„Sehr gut!" erwiderte der Staatsanwalt mit anderen
Dingen in Teplitz beschäftigt.

„Bin auf der falschen Spur, ist nur ein gewöhnlicher
Badegast!" dachte der Wirth und setzte dann das Gespräch
fort: „Freut mich, Herr Müller, daß Ihnen das alt be-
rühmte Bad gute Dienste geleistet!"

„Das heißt, ich habe gar nicht gebadet!" verbesserte sich
der Staatsanwalt.

„Gar nicht gebadet?" dachte der Wirth und sein Ver-
dacht kehrte zurück. Aber er konnte dort wie Viele nur eine
Brunnenkur gebraucht haben. Das war leicht zu erfragen.
„Also haben Sie dort nur Brunnen getrunken?"

„Auch das nicht! Ich brauche Gottlob weder Bad noch
Brunnen."

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