Fliegende Blätter — 43.1865 (Nr. 1043-1068)

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Von Michaelis bis Silvester.

(Fortsetzung.)

Wolkenschwer und naß und kalt zog der Spätherbst
heran; schon erstarrten der Angstgequälten Hände und Füße,
wenn sie draußen am Grabe stand oder kniete und mit den
Händen den Dahingeschiedenen hätte auSgrabcn mögen aus
! dem letzten tiefen Ruhebett, und in verzagendem Jammer
wehklagend rief: „Ach Vater, Vater! hilf mir, ach hilf mir!"

Und nun fiel ein kalter Regen hernieder Tag für Tag
! und Nebel und Wolken lagen dick und schivcr weithin über
den Donauwiesen, und große weiße Schneeflocken mischten
sich in den Regen und nahmen immer mehr und mehr über-
hand und auf den Gassen standen die Pfützen, und Schnee-
flocke an Schneeflocke fiel nieder in den Koth der Straßen
und zerrann, aber immer dichter fielen sic nieder, immer un-
aufhaltsamer in lautlosem Drehen und Wirbeln ans dem
grauen, trüben Wolkcnhimmcl, und die Dächer wurden weiß,
j und endlich lag die ganze Stadt im weißen Winterkleide,
und draußen dehnten sich in die frühe Dämmerung hinaus
die unabsehbaren Schneeflächen.

Der Kinder Herzen aber frohlockten über die weißen
Flocken; waren sie doch Boten, daß die schöne lustige, heiß-
ersehnte Zeit ganz nahe sei: St. Niklastag, der den Knaben
und. Mädchen manch' erwünschte Gabe in die Schuhe steckte
j und die süßen Niklasstollen austhcilte, Weihnachten, das die
hübschen lichterhellen Krippen aufbaute, und endlich Neujahr
mit vollen Händen Geschenke anöthcilcnd und manchen lang-
gehegten Wunsch der Kinder erfüllend, Puppen und Schauben
und Bänder den Mädchen, und Kreisel, Peitschen und Wams
und Kappen den Knaben bringend, und gebacken wird die
ganze Zeit über ein süß und lecker Gebäck nach dem anderen,

Stollen und Zöpfe und Striezel und Bretzeln, und an Zucker-
wcrk fehlt cs auch nicht.

Magdalcne aber sah mit bangem, schwerem Herzen dem

lautlosen Drehen und Fliegen der weißen Flocken zu, ihr
waren sie ja nur Boten, die ihr zuriefen: „Tag für Tag
geht hin und mit Neujahr mußt Du in der bösen Ursel
Haus." Sic war seit einigen Tagen nicht draußen gewesen
auf dem Friedhof; der Weg war weit und der Schnee lag
gar tief. Schon das lctztemal hatte sie über die weiße un-
betretene Schneefläche, die sich über die Grabhügel ausbreitete,
hinweg waten müssen und war dabei weit über die Knöchel
eingesunken, bis sie zu des Vaters cingeschncitcm Grabe ge-
langte, um da im kalten Schnee zu knicen. Man hätte
noch manchen Tag nachher die Spuren ihres Weges sehen
können auf dem Friedhofe, der nnbesucht und einsam stand,
denn wer ging in solchem Wetter hinaus, um an den Grä-
bern zu trauern!

Weihnachten war hckrt vor der Thür, nur noch zwei
kurze Wochen waren ihr vergönnt in der alten Heimath,
dann — —! Es litt sie nicht im Gcinache unten bei
den andern Kindern, die alle sorglos und fröhlich in den
Tag hinein lebten und sich auf Neujahr freuten und seine
Geschenke und auf Weihnachten, wo sie in alle Kirchen gehen
und die geschmückten und erleuchteten Krippen sich anschauen
wollten; sie hatte sich hinanfgeschlichen aus den Boden, dort
war ein Fensterchen, draus mochte man, über das nächste
Haus hinüber den Thurm von St. Peter schauen. Dorthin
blickte sie, war doch dort unten um jene Kirche herum der
Platz, wo sie ihn begraben hatten. Gran und schwer hing
der Wolkenhimmcl auf die weiße Erde nieder; es war noch
früh am Nachmittag, und schon fing cs zu dämmern an.
Magdalcne fühlte nicht die Kälte des luftigen Bodcnkämmer-
leins, sie schaute hinaus in das röthliche Grau des Schnee- i
Himmels, das Herz so schwer und so voll Gram und voll
Weh und voll Sehnsucht nach einem Herzen, das dem ihren

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