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- Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst-
handlungdu, sowie von allen Postämtern und
Zcitungscxpeditionen angenommen.

V" 1281,

Erscheinen wöchentlich ein Mal. Subscriptiond-

LII. Dd

preis für den Band von 26 Nummern 3 fl. 51 kr.
od. 2 Rthlr. 5 Sgr. Einzelne Nummern 9 kr. od. 2 V, Sgr.

Leid und Liebe.

(Schluß

Die große Wonncthräne der scheidenden Lageskugel
duftete nach und nach in die Silberjlockc des Mondes hin-
über; ein Abendlüftchen flatterte sterbend in den Tarushägcn
des Parkes. Wieder webte sich der Seidenfaden von Linda's
Gegenwart durch den einsamen Schattenwald. Eine negative
Nervenelcktrizität zuckte sie mit galvanisch unwiderstehlicher
Gewalt jener Moosbank zu, wo einige Tage zuvor — —

Sie bog um die sanfte Abrundung der Taruswand
da, fast dem unnahbaren Nebelstreif einer überhimmlisch cn
Fata Morgan« vergleichbar, da stand er noch, der Ersehnte
und dennoch gefürchtet-verschmäht-sein-sollende Jüngling; man
konnte den bleichen Lippen absühlen, daß keine irdische Speise
in der Zwischenzeit sie entweiht hatte — mit dem Verschwin-
den Linda's war das Seelenleben entflohen, nur die Thräne
der Entzückung war fort und fort gerollt und hatte den
warmen Contrast der rothen Mappe auf der grünen lzolie des
Grases feucht gehoben.

Kennen — fühlen, gekannt zu fein: dieser Ucbergang
vom ahnenden Gefühl zum schauenden Denken ist die Ver-
längerung der Entschädigung inneren Glückes für den matten
Glanz sichtlicher Begeisterung! — Dies war der Inhalt des
Wonnefchauers, der, sich zu einem diatonischen Seufzer kom-
pilirend, dem einen Doppelherzen des moralisch getrennt-
vereinigten Paares entschwebte.

„O Himmel — es war kein Traum!" zitterte Tulibcrt
(dies der Name des Jünglings). „Die Mißtöne des gräber-
bergendcn Erdcnthales sind gewürdigt, diesen staublosen Aether-
palast zu umklingen? — und ich — ich — mich rafft nicht
der Weltenzertrümmerer hin, nachdem ich frevelhaft in das
Auge seiner Ewigkeit geschaut? \“

Wieder loste die Härte des Wortes sich in den ewig

weichen Urstoff der Thränen auf: daß aber auch Linda's
Seele wieder den heiligen Thau in die Azurschale des äußeren
Auges perlte, das schnitt tief in Tulibert's Brust; er blutete
ihr näher und flehte in klagenden Blicken: sie möge ihn zer-
malmen, aber nicht langsam an ihren Thränen zu Tode
schmachten lasten!

Linda's Rervenfäden zuckten bange wie die todte Nachti-
gall im Käfig und es träufelten von ihren Lippen die Honig-
silben: „Sie sind Maler?"

„Heuchler war ich" — flüsterte der Jüngling — „beim
ich habe Sic nicht gemalt; und wenn ich Sie malen würde,
müßte ich mit meinem Herzblute malen, sonst würde ich noch
mehr als heucheln: ich würde mich am ewigen Ideale tiefst
versündigen!"

Mit einem klingenden Seufzer glitt Linda dem bläu-
lichen Schimmer des Mondes in die Arme — ein Strahl
bebte nieder mit ihrer unfühlbaren Last auf die Moosbank:
das Wort Tulibert's hatte zu mächtig in die straffen Saiten
ihrer psychischen Windharfe gegriffen — sie unterlag dem
inneren Dreiklang in seliger Bewußtlosigkeit. Tuliberten aber,
die Heilige sinken sehend, zerfleischte der Gedanke: du hast
sie mit deiner Rede Frevel vernichtet!

Er stürmte dahin — warf sich an's Piano — die Geister
der Töne in wildem Tumult herausfordernd: gleich dem em-
pörten Meere wälzte sich der Klänge rauschender Wirbel in
regellos phantastischen Dissonanzen schneidend um ihn her und
überfluthete sündhaft das Geläut des dämmerungsahnenden
Kapellcnglöckleins, bis endlich — endlich der Genius des
Friedens die Dissonanzen in den heiligen Accord lindernder
Thränen anflöste, die der Frost eines ganzen Polar-Winters
nicht zu erstarren vermochte!
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