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Die beiden Wölfe von Eberstein.

(Fortsetzung.)

„Einige Fähnlein Freischaaren, die heute früh in die Festung
einrückten, und gestern selbst im Feuer gestanden waren!"

Jetzt lachte Holzer laut und vergnügt auf: „Und die sind,
weil sie die Preußen bis über den Neckar zurückgetrieben haben,
im Eifer der Verfolgung bis nach Rastatt zurückmarschirt? Ha,
ha, ha!"

Betroffen von der Richtigkeit der Bemerkung des alten
Soldaten erröthete der junge Mann und schaute verlegen vor
sich nieder.

„Bestelle lieber Quartiere in der Schweiz für deine Sieger",
ries der Castellan, dann wieder lustig mit der Peitsche knallend,
als er durch das Schloßthor in den Hofraum fuhr, „ich fürchte,
mein Schloß liegt ihnen zu nah am Neckar und — in 3 Tagen
sind die Preußen hier!"

Einige Tage waren verstrichen seit dem Eintreffen der
Siegesnachricht, die Holzers Heiterkeit in solchem Maße erregt
hatte, daß er auch jetzt noch seine gute Laune bewahrte, obschon
das ganze Schloß mit einqnartirter Mannschaft belegt war und
er sogar, trotz seines Protestes, die Zimmer hatte öffnen müssen,
die sein „allergnädigster Herr" bei seinen Aufenthalten zu be-
wohnen pflegte.

Einen einzigen kernhaften Fluch aus seinen Feldwebeltagen
hatte er ausgestoßen, als er die Schlüssel an den Obersten Bleuler
verabfolgt hatte; dann rieb er sich wieder heimlich lachend die
Hände und tröstete sogar seine verzweifelnde „Alte", die hnn-
dertmal des Tages behauptete, diese den „allerhöchsten Zimmern"
angethane Schmach nicht überleben zu können.

„Ra — gib Dich zufrieden. Alte, vielleicht morgen schon
kommen die Preußen und jagen das Gesindel aus dem Lande!
dann bahnst Tu Deine Zimmer neu, räucherst sie tüchtig aus und
Alles ist wieder beim Alten!"

Nur als sein Neffe, der als einer der Adjutanten Bleulers ;
ebenfalls in dem Schlosse Quartier hatte, die Wohnung des
Castellans betreten wollte, um in gewohnter herzlicher Weise mit
seinen Anverwandten zu verkehren, schwand seine gute Laune
wieder und er erklärte ihm rund heraus, der „Herr Adjutant"
habe hier Nichts zu thun. Und als ihm Leopold erwiderte, er
wolle sich nur nach dem Befinden seiner lieben Tante erkundigen,
bekam er als einzige Antwort: „Ein Mensch, der die Waffen,
gegen meinen allergnadigsten Herrn führt, hat keine Tante hier i
zu suchen!" Und damit schloß er ihm die Thüre vor der Nase.

Verstimmt über des Oheims Trotz und Eigensinn, wie
Leopold Wolf des biedern Castellans ehrliche Geradheit nannte,
zog er sich wieder in sein im Hauptgebäude des Schlosses be-
findliches Zimmer zurück und warf sich in die Ecke des Sopha's.

Unwillkührlich stellte er Betrachtungen an über sonst und jetzt-

Wie herzlich war er sonst von der Castellans-Familie anf-
genommen worden, wenn er von dem benachbarten Rastatt, dessen
Lyceum er besuchte, zu längerem Ferienbesuche kam. Wie freundlich
reichte dem Unbemittelten der biedere Oheim jeweils nach Durch-
sicht seiner Schulzeugnisse ein Geldgeschenk mit den Worten:
„Da, mein lieber Junge — bleibe ferner brav und fleißig, so
kann Dir's nicht fehlen in der Welt und Du gründest Dein
und Anderer Glück!"

Und jetzt d Er war wohl auf des Oheims Tadel gefaßt —
er kannte ja dessen sprüchwörtlich gewordene Anhänglichkeit an
seinen „allergnädigsten Herrn" — aber er hoffte, ihn in kurzer !
Frist besänftigen, ja sogar überzeugen zu können, daß man mit
seiner Zeit vorwärts schreiten müsse und nicht festhalten dürfe
an sinnlosen Traditionen und fünfzigjährigen Erinnerungen."

Schmerzlich enttäuscht und nicht ohne ein Gefühl von Bitter-
keit gegen den eigensinnigen Oheim trat er ans die Terrasse,

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