Fliegende Blätter — 52.1870 (Nr. 1277-1302)

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Die beiden Wölfe von Eberstein,

(Schluß.)

Da erfaßte ihn eine unendliche Sehnsucht, noch einmal das
geliebte Mädchen zu sehen und ihr Lebewohl zu sagen, che er,
vielleicht für immer, von ihr scheiden mußte. Rasch machte er
sich auf, schlich vorsichtig noch mehr bergauf durch das Tannen-
gestrüpp, um ans einem möglichst nnbetretenen Pfade das Schloß
zu erreichen. Unangefochten gelang ihin dies; schon sah er in
einer Entfernung von nur einigen hundert Schritten die von
der Abendsonne beleuchteten Schloßmauern durch die Zweige
schimmern. Schon überlegte er, >vic er wohl der Geliebten seine
Gegenwart am besten kund geben könne — da donnerte ihm
aus kurzer Entfernung ein Halt entgegen und er sah die Ge-
wehre zweier ihm so verhaßter Helmtrügcr auf sich angeschlagen.
Kaum fand er noch Zeit hinter dem gewaltigen Stamme einer
Edeltanne Schutz zu suchen, da krachte auch schon ein Schuß
und die Kugel schlug dicht über ihm in den Baumstamm ein,
der seinen Körper deckte.

Der eine seiner Feinde hatte geschossen, aber der andere
lauerte noch auf den Moment, wo er sich eine Blöße geben
würde, um ihm das tödtliche Blei zuzusenden.

Leopold erkannte das Gefährliche seiner Lage vollkommen.
Wenn ihm nicht gelang, den zweiten seiner Verfolger gleichfalls
zu einem unvorsichtigen Schüsse zu verleite», che der erste sein
Gewehr wieder geladen hatte, so war er verloren. Rasch ent-
schlossen sprang er einige Schritte zurück uud duckte sich eben
wieder hinter einen andern Baum, als — wie er gehofft —
auch der zweite Schuß krachte, jedoch ohne ihn zu verletzen.

/ Mit Windeseile jagte er jetzt den Berg hinan, bis ihn das
tzfiestrüpp den Augen seiner Feinde, die sich alsbald zu seiner
^Verfolgung aufgemacht hatten, entzog. Dann änderte er plötzlich
r'c Richtung seines Weges, rannte eine Strecke thalwärts und
verschwand endlich in dem zum Schlosse gehörigen Rebstücke, welches

das berühmte Eberblut erzeugt und unmittelbar an die Schloß-
mauern angrenzt. Behutsam schlich er sich nun in die Nähe des
Portals und beschloß, hier einer günstigen Gelegenheit zu harren,
um Louise von seiner Anwesenheit zu unterrichten.

Das Glück war ihm günstig.

Von den beiden Schüssen in so unmittelbarer Nähe des
Schlosses erschreckt und von unerklärlicher Besorgniß getrieben,
war Louise vor das Thor getreten, um die Ursache des Schießens
zu erfahren. Da hörte sie plötzlich von bekannter geliebter
Stimme leise ihren Namen rufen und erblickte bald, durch das
Reblaub halb verhüllt, mit Entsetzen das blutige Haupt des Ge-
liebten. Kanin war sie im Stande, den Schrei des Schreckens,
der sich auf ihre Lippen drängte, zu unterdrücken, als sie den
Schloßweg herauf eine neue stärkere Patrouille unter Führung
eines Offiziers anrücken sah.

Was war zu thun? Wie konnte sie den geliebten Ver-
wundeten aus der steten ihn bedrohenden Todesgefahr erretten?

Wie ein Blitz durchzuckte sie plötzlich ein Gedanke: „Komm'
unter den großen Balkon!" rief sic ihm halblaut zu und wandte
sich unbefangen dem Führer der Patrouille entgegen, der mit
der Frage an sie herantrat, in welcher Richtung die Patrouille
vormarschirt sei, die vor kurzer Zeit gefeuert habe. Louise gab
die verlangte Auskunft, worauf der Lieutenant seine Mannschaft
rasch in der bezeichncten Direktion den Berg hinanführte und
bald hinter den Bäumen verschwand.

Eiligst schritt jetzt Louise nach der elterlichen Wohnung,
nahm ungesehen vom Schlüsselbrette in der Wohnstube die Schlüssel
zu den herrschaftlichen Zimmern, ferner eine Laterne und ein
Waschseil und begab sich auf den großen Balkon, wohin sic
Leopold beschicken hatte.

Kaum beugte sie sich über die Brüstung, als sie auch den
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