Fliegende Blätter — 52.1870 (Nr. 1277-1302)

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Ein Monat im Bade.

(Schluß.)

Emilie an Auguste.

Den 20. Juli.

Wie, wenn ich Frau Baronin würde ? — I nu, ich glaube,
cs hinge nur von mir ab. Mein junger Cavalier ist wirklich
ganz rasend verliebt in mich. Bei den Pfänderspielen ivciß er
es meist so einzurichten, daß ich ihm Küsse geben muß. Ich weiß
wohl, der Assessor möchte jedesmal darüber aus der Haut fahren ;
doch was geht es den an? — Daß es aber auch Mama nicht
gern sieht, ist freilich fatal. Denke Dir nur, sic nennt den Baron
einen Windbeutel, der mich doch nicht heirathe, und der übrigens
auch kein Geld habe. — Das leidige Geld! Als ob das allein
glücklich machte! — Es ist wahr, er scheint jetzt ein wenig in
der Klemme zu sein. Dabei ist er aber immer nobel, während
zum Beispiel der filzige Assessor jeden Pfennig zehnmal umwendet,
ehe er ihn ausgibt. Und dann die reiche Erbschaft, die dem
Baron, wie er mir vertraut hat, durchaus nicht entgehen kann!
Mama freilich glaubt das Alles nicht; das ist eben das Unglück!
Wenn sie es glaubte, sic würde ganz andere Saiten aufziehen.
Aber so — ach, ich weiß selber nicht, was ich Alles schwatze!

Jetzt will sie sogar haben, ich soll mit deni Baron gar
nicht mehr sprechen, und das geht doch durchaus nicht! Ich muß
ihm doch antworten, wenn er mich fragt. Auch würde es sehr
auffällig sein, wenn ich ihn nun gleich vermeiden wollte. Er
kommt auch zu uns in's Haus, und wann er wieder fort ist,
dann gibt's vollends ein Unglück. Dann bin ich eine „ungerathene
Tochter, eine Thörin, die den Assessor vor den Kopf stößt und
ibr Glück mit Füßen tritt" und dergleichen. — Nun, Mama mag
dem Baron selber das Haus verbieten; was geht's mich an?

Der unglückselige Assessor! — Ich fürchte übrigens immer,
»nt dem wird der Baron nächstens einmal zusammenstoßen, und

dann gibt es vielleicht ein Duell, in dem der Assessor ganz sicherlich
todtgeschosscn oder gestochen wird, was ihm übrigens ganz recht
geschähe. — Ein Duell! Und meinetwegen! — Auguste, cs ist
ein fürchterlicher Gedanke! Es hat sich um meinetwillen noch
Niemand geschlagen. — Und wenn Er mich dann gar entführte ?! —
Ich falle fast schon bei dem bloßen Gedanken in Ohnmacht!

Brand an Habermann.

Den 22. Juli.

Gott sei Dank, den widrigen Rival scheine ich nun endlich
los zu sein! — Ich hatte doch Recht, als ich vermuthetc, daß
ihn Emilie nicht liebe. Sie mag ihn nun wohl näher kennen
gelernt und eingesehen haben, daß sic durch ihr Betragen ge-
wisse Hoffnungen in ihm erregt, die sie doch niemals im Ernste
gesonnen war zu erfüllen. Wenigstens hat sic ganz plötzlich
angefangen, ihn auffällig kalt und gleichgültig zu behandeln.
Darüber ist er nun augenscheinlich ganz desperat geworden und
hat sich in seiner Verzweiflung schnell an eine Andere gehängt,
an eine hier anwesende Gräfin von Löwen, die übrigens
grundreich sein soll. Ganz Lilienthal spricht jetzt von nichts
Anderem, als von diesem Verhältnisse. Der Kerl wird dadurch
nun wenigstens seine Schulden los.

Doch ich will ihm sein Glück recht gern gönnen, da er
doch nun wenigstens dem mcinigeu nicht mehr in den Weg tritt.
Emilie scheint nämlich das Unrecht zu fühlen, das sic mir durch
ihre Vernachlässigung zugefügt; sie wendet sich wieder mir zu
und behandelt mich so freundlich und zuvorkommend wie zuvor. —
Freund, ich fange wieder an aufzuleben.


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