Fliegende Blätter — 52.1870 (Nr. 1277-1302)

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Eine unfreiwillige Fahrt.

(Fortsetzung.)

Ich wußte nicht, was ich uou dem Allen halten sollte. Die
herzliche Theilnahme, welche das Mädchen mir bewies, ihre Be-
sorgnisse und ihr Entschluß, mich zu beschützen, befremdeten mich,
wenn sie gleich auch daneben meiner Eigenliebe schmeichelten.

„Sie werden mich begleiten und heute unser Gast sein",
fuhr Klara nach einer Weile fort, und es war mir wirklich
unniöglich, dem Zauber ihrer Augen und ihrer Stimme zu
widerstehen; „betrachten Sie den vorgefallenen Jrrthum als
einen Fingerzeig des Schicksals und folgen Sie demselben.
Heute Abend können Sie ruhig zurückkehren, die Gefahr
wi>d alsdann beseitigt sein, überlassen Sie es nur Ihrem
Freunde, dafür zu sorgen."

Vergebens wandte ich ein, daß mein Vater sich beun-
ruhigen und mein Gegner das Gericht verbreiten werde, ich
habe vor seiner Herausforderung das Hasenpanier ergriffen;
die junge Dame erwiderte mir, der Beunruhigung meines
Vaters könne man durch einen Boten Vorbeugen und an das
Gerücht werde Niemand, der mich kenne, glauben.

Ich stellte ihr ferner vor, daß ihrem Vater mein Besuch
nicht ailgenehin sein werde, aber auch diese Befürchtung wußte
das Mädchen zu beseitigen.

„Mein Vater heißt jeden Gast in seinem Hause will-
kommen, der Kopf und Herz ans dem rechten Fleck hat," er-
widerte sie, „ich bin überzeugt, Sie werden ihn rasch lieb
gewinnen."

Noch einmal bat ich sie, den Kutscher anzuweisen, daß
er halten möge, sie wies diese Bitte mit einem sehr energischen
Kopsschütteln und einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen
zurück.

„Es ist nun einmal in meine Hand gegeben, ein Duell
zu verhüten," sagte sie, „ich werde es verhüten. Ich betrachte

das Duell als eine Thorheit, als ein Stück widersinniger !
Romantik ans dem Mittelalter, welches allmählich den For-
derungen vernünftiger Anschauungen weichen muß. Wenn
ich auch in dieser Angelegenheit eine keineswegs beneidcns-
werthe Rolle spiele, wenn ich mir auch nicht verhehlen kauil,
daß ich Ihnen sehr emancipirt erscheinen muß, so halte ich
es dennoch für meine Pflicht, mich all' diesen Unannehmlich-
keiten und ihren möglichen Folgen auszusetzen, in dem Be-
wußtsein, dadurch eine lobenswerthe Handlung zu begehen."

Ich mochte die Sache wenden, wie ich wollte, ich mußte 1
dem Mädchen Recht geben.

Und je tiefer ich ihr in die dunklen schönen Augen blickte,
desto fester prägte ihr Bild sich meiner Seele ein.

„Es wäre ohnehin jetzt auch zu spät," fuhr sie fort,
„Sie würden vor fünf Uhr den Kampfplatz nicht erreichen." !

„Aber Ihre Frau Mutter ist erkrankt," wandte ich ein,
„mein Besuch wird stören."

„Warten wir das ab," sagte Klara, über deren hübsches
Gesicht ein dunkler Schatten glitt, „ich hoffe, die Krankheit
wird nicht gefährlich sein."

„Ein heftiger Krampfanfall —"

„'Sie leidet oft daran."

Aber das ist sehr beängstigend!"

Wissen Sie, meine Mutter hat seit dem Tage ihrer
Hochzeit daran gelitten," fuhr Klara mit naiver Frcimüthig-
keit fort, „mein Vater ist in mancher Beziehung ein Sonder-
ling und was er sich einmal in den Kopf gesetzt hat, das ^
muß er auch durchführen. Darunter leidet meine Mutter
mitunter sehr."

„Ach, ich verstehe," erwiderte ich, „dieseKrampfanfälle sind
gewissermaßen eine Waffe gegen den Eigensinn Ihres Vaters."

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