Fliegende Blätter — 52.1870 (Nr. 1277-1302)

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„Sie wollen wissen, wann, wo und wodurch ich mir
Herz und Hand meiner lieben Gattin erworben habe?" fragte
der Rentner Huber, als wir eines Abends um die dampfende
Punschbowle saßen. „Das ist so rasch nicht erzählt, aber
jedenfalls interessant für Ehemänner und solche, die es wer-
den wollen. Es war im Jahre 1849, in dem Jahre, in
welchem die Wogen der Revolution noch immer brandend am
staatlichen ,Felsgestein spülten, in dem Jahre, in welchem wir
alles das wieder verloren, was wir kurz vorher uns errungen
hatten. Ich zählte damals fünfundzwanzig Jahre, war llommis
Voyageur im Materialwaarengeschüfte meines seligen Vaters
und daneben Vürgerwehrlientenant.

Das will heutzutage nicht viel bedeuten, meine Herren,
ich gebe es zu, die Erinnerung an die Bürgerwehr seligen
Angedenkens ruft heutzutage nur noch den Spott wach.

Damals war das anders. Die Offiziere der Bürger-
wehr waren ans ihre dreifarbigen Schärpen so stolz, wie es
ein Offizier in der Armee auf sein Portepee nur sein mag.

Und nun bedenken Sie, daß ich erst fünfundzwanzig
Jahre zählte und es im gewöhnlichen Leben noch nicht weiter
als zum Musterreiter gebracht hatte! Meine Ernennung zum
Offizier verdankte ich allerdings einer Tonne abgestandener
Häringe, welche ich de» Frauen der Bürgerwehrmänner meiner
Eompagnie gratis überließ und einem Fasse Bier, welches
>ch am Tage der Wahl spendirte; indcß, das änderte an der
Tache nichts, ich trug Degen, Schärpe und Federbusch und
bildete mir darauf nicht wenig ein.

Antonie, die Tochter eines mit meinem Vater befreun-
deten Lederhändlers, hatte mir bisher noch nicht das geringste
Zeichen ihrer Gunst gegeben. Als ich mit meiner Compagnie
Zum ersten Male an ihrer Wohnung vorbeimarschirte und zu
>hrem Fenster emporblickte, warf sie mit holdseligem Lächeln

illige Fahrt.

einen Blumenkranz auf mich nieder, den ich mit der Spitze
meines Degens geschickt auffing. Sie können mir glauben,
das war einer der schönsten Augenblicke meines Lebens!

Der Lederhändler war ein reicher Mann und seine Toch-
ter ein wunderbar schönes Mädchen. Ich machte von nun
an sehr oft Fensterpromenade und verfehlte nie, meine Com-
pagnie, wenn wir zum Ererciren ausrückten, durch jene Straße
zu führen, obschon das eigentlich ein Umweg war.

Mit unserem Hauptmann stand ich auf gutem Fuße;
er kam meinen Wünschen in dieser Beziehung bereitwillig
nach, es war ja sein eigener Vortheil. Der gute Mann war
von Allem etwas, ein Stück Literat, ein Stück Volksredner,
ein Stück Agent und ein Stück Zeitnngsredakteur und trotz
seines Universalgenies hatte er nur dann ein warmes Mit-
tagessen, wenn er bei einem guten Freund hospitirte.

Was er verdiente, floß gemeiniglich schon in der nächsten
Stunde nach der Einnahme in flüssiger Gestalt durch seine
Kehle, und besaß er nichts, um diese allezeit trockene Kehle
anzufeuchte», so durfte ich stets auf seinen freundschaftlichen
Besuch rechnen, der im Grunde nur dem Rumfasse meines
Vaters galt.

Gleichviel, der Hauptmann war eine ehrliche, joviale
Haut trotz seines grimmigen Gesichts, in welchem die Nase
gleich einem Leuchlthurme strahlte.

Er neckte mich oft mit meinen Hoffnungen auf die schöne
Tochter des reichen Lederhändlers und beharrte eigensinnig
bei der Ansicht, daß diese Hoffnung sich niemals erfüllen
werde. Es kam darüber oft zwischen uns zu einem Wort-
wechsel-, aus welchem der Hauptmann stets mit feinem stereo-
typen: „Die Weiber taugen allesammt nichts," als Sieger
hervorging.

Eines schönen Tages wurde von Seite des Offiziercorps

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