Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 35,2.1842

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Np. 39, HEIDELBERGER 1842,
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

hasaulx: Mythologische Abhandlungen.
CBeschluss.)
Daher sind alle Opfer wesentlich Sühnopfer und ihrer Form nach
stellvertretend, weil sic durch Hingabe des äusseren Lebens die mangel-
hafte Hingabe des Innern Willens zu integriren suchen; als Sitz und
Träger des Lebens gilt aber das ßiut, das in sofern den Alten mit Le-
ben identisch ist, Rnd es ist nicht sowohl das vergossene Blut, als das
dargebrachte Leben, was die Versöhnung bewirkt und die Einigung wie-
der herstellt.
Dies ist die Theorie des Verf., der dabei zugleich eine dreifache
Succession unterscheidet, in sofern ursprünglich der Sünder selbst sein
Leben freiwillig zum Opfer darbringt, dann als zweite Stufe, statt des
Schuldigen ein Anderer unschuldig in den Opfertod geht, und als dritte
Stufe, statt des Menschen stellvertretend ein Thier geopfert wird, oder
auch vegetabilische und andere Stoffe dargebracht werden. Sonach sind
also alle Thieropfer, ihrer ursprünglichen Idee nach, als stellvertretende
Opfer statt menschlicher Opfer, Menschenopfer aber als die ersten und
ursprünglichen Opfer überhaupt bei allen Völkern der Erde anzusehen.
Dass die letztem immerhin nur bei Völkern des Alterthums, die auf
einer noch rohen und niederen Stufe der Cultur stehen, also in ihren
ersten und frühesten Naturzuständen angetroffen werden, dass sie sogar
ziemlich allgemein verbreitet bei fast allen Völkern des Alterthums Vor-
kommen, desgleichen, dass an ihre Stelle bei fortschreitender Civilisation
Thieropfer und andere Opfer getreten sind, wer wird, wer kann über-
haupt dies leugnen oder bestreiten? Dass aber Menschenopfer die er-
sten und ursprünglichen Opfer gewesen, das ist es, was zu glauben uns
schwer fällt, und zwar, wenn wir auch von allen philosophischen und
allgemeineren Gründen absehen, schon um der historischen und positiven
Tradition willen. Werden nicht brandlose Opfer, Früchte, Vegetabilien
als die ältesten Opfer, von den Göttern selbst angeordnet, in der helle-
nischen Mythe durchweg dargestellt, so dass erst später andere Opfer,
Thieropfer und dergleichen Vorkommen? Wir erinnern nur, statt vieler,
an die einzige Stelle Pindar’s Olymp. VII., 48 s. 88. 89. Und wenn der
Grund des Opfers in dem Bewusstseyn der Schuld zu suchen ist, so wird
er doch wohl eben so auch in dem Bewusstseyn, in dem Gefühl des Dan-
kes gegen den göttlichen Wrohlthäter gesucht werden können, da die eine
Seite der menschlichen Natur doch so gut wie die andere Berücksichti-
gung verdient. Dann werden freilich auch alle Opfer noch nicht für
XXXV. Ja big. 4, Doppelheft. qq
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