Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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*X. JAHRGANG.

DARMSTADT.

JUNI 1909.

ATELIERS UND WERKSTÄTTEN FÜR ANGEWANDTE KUNST.

W. V. DEBSCHITZ U. H. LOCHNER—MÜNCHEN.

Bei Beginn der kunstgewerblichen Revolution
haben sich Kunst und Industrie zunächst
feindlich gegenüber gestellt. Die Künstler fanden in
^em Industriellen eine träge, konservative Macht; sie
"ahmen es ihm übel, daß er ihren neuen Ideen, die
w'rklich Ideen, nicht objektive Bedürfnisäußerungen
der Abnehmer waren, Widerstand entgegensetzte,
Ur>d machten sogar Versuche, die Industrie aus-
schalten oder zu umgehen. Die Industrie hingegen
fend sich von ganz anderen Bestimmungsgründen
beherrscht als die Künstler, nämlich von ihrem
Absatz, vom Geschmack der Käufer. Was die
Künstler ihr boten, schien ihr unbrauchhar und
daher schädlich. Die Industrie sagte mit Recht,
s'e sei kein freies kulturelles Instrument, keine
s°uveräne Macht, die selbständig in das kulturelle
Geschehen eingreifen könne. Sie erkannte sich
nicht als Faktor, sondern als Produkt und empfand
infolgedessen die Zumutungen und Wünsche der
Künstler als unberechtigt und verkehrt.

Wir wissen, daß diese Feindschaft geschwunden
ist, dank der Tätigkeit der Ausstellungen und
Kunstzeitschriften, die auf die Abnehmer in kurzer
2eit so einwirkten, daß die Industrie sich endlich
2ur Annahme der modernen Muster autorisiert

fühlte. Theoretisch ist es längst erkannt, daß
Kunst und Industrie natürliche Bundesgenossen
sind. Und diese Erkenntnis gewinnt praktisch
immer deutlicher Gestalt und Ausdruck.

Das Hauptproblem des modernen Kunst-
gewerbes liegt heute viel weniger auf dem Gebiete
der Produktion, als vielmehr auf dem der
Organisation. Tatsachen wie die Gründung des
Werkbundes und der Sächsischen »Vermittlungs-
stelle«, Tatsachen wie die Neuorganisation der
»Vereinigten Werkstätten«, die Fusion der »Werk-
stätten für Wohnungs-Einrichtung« mit den
»Dresdener Werkstätten« beweisen, daß die Sach-
lage klar erkannt wird. Man sieht, die Sache des
Kunstgewerbes ist daran, sich geradezu in Formen
der Großindustrie zu organisieren. Die Träume
von mittelalterlicher Handarbeit sind bis auf winzige
Reste geschwunden, das Großkapital und der
Großbetrieb, die zeitgemäßen Formen der Pro-
duktion, kommen zum Vorschein. Mit Notwendig-
keit, sagen wir. Zu Dingen, in denen wirkliches
kulturelles Kapital, Kapital an Zeitgeist, investiert
ist, hat eben auch das Geld Zutrauen.

Der Großbetrieb erst macht die Sache des
modernen Kunstgewerbes kommerziell konkurrenz-

1«09. VI. 1.
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