Oechelhäuser, Adolf von ; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,1): Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Wertheim (Kreis Mosbach) — Freiburg i.Br., 1896

Page: 32
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-2 KREIS MOSBACH.

fähr gleicher Scheitelhöhe wie die des Querschiffs. Schon Schnaase hat diese, ohne
Quergurt ineinander übergehenden Kreuzgewölbe mit Recht als spitzbogige Tonnenge-
wölbe mit einschneidenden grossen Stichkappen bezeichnet, wenn er sie auch fälschlich
für quadratisch gehalten und den Schildbogenscheitel tiefer liegend angenommen hat,
als den Scheitel des Longitudinalgewölbes. Wie unsere Schnitte auf Fig. 7 und 8
deutlich machen, liegt im Gegentheil der Scheitel des durch die Stichkappen erzeugten
Schildbogens höher, als der völlig wagrecht durchgehende Scheitel in der Mitte des
Gewölbes, obgleich auch hier zum Ausgleich die erzeugende Linie leicht zum Spitzbogen
gebrochen und dadurch der Scheitel entsprechend höher hinaufgerückt worden ist, als
er bei halbkreisförmiger Ueberwölbung zu liegen gekommen wäre.

Das Princip der Arkaden- und Wandbildung ist ein ungemein klares (s. Fig. 7).
Die fünf Hauptpfeiler (Vierungs-Westwand- und drei Zwischen-Pfeiler) erscheinen durch
4 Spitzbogen verbunden, die ohne trennendes Zwischenglied mit der Vorderseite der
Pfeiler bündig aufsteigen. Vor diesem structiven Kern baut sich die Wölbung des Mittel-
schiffs auf besondern Säulen-Vorlagen auf, während dazwischen die Wand mit den
Fenstern sammt den untern Arkadenbögen in so weit verminderter Stärke eingefügt
ist, dass einestheils der Hauptpfeilerbogen sich als Schildbogen durch einen kräftigen
Vorsprung vor der Wand des Lichtgadens absetzt, anderntheils das über dem Scheitel der
Arkaden angeordnete Zwischengesimse sich beiderseitig gegen die Haupfpfeiler todt
läuft. Der ganze Arkaden-Einbau mit der Wand darüber erhält dadurch in gothischem
Sinhe den Charakter einer Füllung zwischen dem structiven Gerüst der Hauptpfeiler und
der diese verbindenden Spitzbogen. Als Mittelstützen der Arkaden dienen in den ersten
beiden Jochen, von der Vierung aus gerechnet, schlanke Säulen. Die Bögen setzten hier
an den Hauptpfeilern auf einfachen Kämpfergesimsen auf. Nach Fertigstellung dieser
beiden Joche entschloss sich der Baumeister, vielleicht durch schlechte Untergrundver-
hältnisse (s. unten, Strebepfeiler) veranlasst, zu einem Ersatz der Säulen durch rechteckige
Pfeiler, und zur Anbringung von Halbsäulen-Vorlagen, von denen aus ein zweiter conzen-
trischer innerer Rundbogen unter den Arkadenbögen entlang geschlagen wurde. Wie Fig. 7
anschaulich macht, wurde dadurch die lichte Weite der Arkaden erheblich gemindert,
das Ganze kräftiger und strammer gegliedert. Die Fensterwand darüber blieb unverändert.

Wesentlich mit bedingt wird der Eindruck des Mittelschiffs-Gewölbes als einer Tonne mit ein-
schneidenden Stichkappen durch die Art, wie das Gewölbe oberhalb der Säulen-Vorlagen beginnt.
Auf dem weit ausladenden Abakus der letztern sind nämlich zwei consolenartig auskragende Kämpfer-
steine angebracht, die eine Auflagerfläche von über 2 m Breite ergeben, statt des spitzen Dreiecks,
in das sonst die Kreuzgewölbe auslaufen. Eigenthiimlicherweise beginnt die Wölbung, d. h. Krümmung
der Tonne erst in etwa 2 m Höhe über dem Auflager, während die Kurve der Stichkappen, d. h.
die Gratlinie des Gewölbes, gleich vom Kämpfer aus ansteigt. Die hierdurch entstehende merkwürdige
Schwenkung der Gratlinie ruft den Eindruck hervor, als ob das Gewölbe vom Kämpfer aus zunächst
nach aussen ausbauchte. Der Zweck dieser Massregeln war offenbar: l) die Differenz in der Weite
der Joche durch Näherang der Ausgangsstellen der Grate auszugleichen, d. h. den Grundriss möglichst
dem Quadrate zu nähern, 2) eine möglichst geringe Brechung der Tonne, d. h. eine Annäherung
an den Halbkreisbogen durch Höherlegung des Kämpfers zu erreichen und 3) den Scheitel der Tonne
so weit hinaufzudrücken, dass die Stichkappen-Scheitel eine möglichst geringe Steigung nach den
Schildbogen zu erhielten.

In all diesen Dingen zeigt sich eine Unsicherheit, die für die Zeit des Uebergangs in das ent-
wickelte gothische System charakteristisch ist. Man vermag noch nicht alle Consequenzen zu ziehen, die
das Verlassen des quadratischen Grundrisses für die Wölbung mit sich brachte, weiss sich aber doch
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