Oechelhäuser, Adolf von ; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,1): Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Wertheim (Kreis Mosbach) — Freiburg i.Br., 1896

Page: 175
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AMT WERTHEIM. — WERTHEIM. j-e

lischen Kirche übergetreten war und nun, im Gegensatze zu seinen Brüdern und Mit-
herren, die Wiedereinführung oder doch die Gleichberechtigung des alten Glaubens
verfocht und im J. 1634 des sogen. Simultaneum für den Gebrauch der Stadtkirche
u. s. w. einführte. Die endgültige Spaltung des Löwenstein'schen Grafenhauses in eine
ältere, evangelische, und in eine jüngere, katholische Linie hatte während mehr als
200 Jahren immer wieder auflebende Religionsstreitigkeiten zur Folge; denn trotz der
getroffenen Vereinbarung, die Verhältnisse des Jahres 1624 als eines sogen. »Entschei-
dungsjahres« zu Grunde zu legen und zu beachten, suchten doch die verschiedenen
Einzelgrafen je nach ihrer Bedeutung und Machtstellung daran zu rütteln. So wurde
auch die städtische Bürgerschaft stets auf's Neue in diese traurigen Kämpfe hineinge-
zogen, die sich noch im J. 1720 in einem Aufruhr gegen den Fürsten Dominik Mar-
quard und am 17. Juni 1781 in dem berüchtigten »Processionsskandal« Luft machten
(s. den nächsten Abschnitt: Geschichte der Grafen).

Auch von einer, der Begleiterscheinungen des religiösen Fanatismus, der religiösen
Zwietracht und Verfehdung blieb Wertheim nicht verschont. Wie in dem nahen Bisthum
Würtzburg zur Zeit des Bischofs Philipp Adolf (1623 — 31) viele Hunderte den
Hexenprozessen zum Opfer fielen (F. Sixt im Arch. histor. Ver. Unterfranken,
Bd. 35 (1892), pag. 33 f.), so ward auch Wertheim der Schauplatz mehrerer solcher
Prozesse und Hinrichtungen, von denen namentlich das im J. 1644 gegen den Ketten-
wirth Johann Hotz und seine Frau wegen Zauberei eingeleitete Verfahren bekannt und
in seinem gesammten Aktenmaterial veröffentlicht worden ist (Diefenbach, pag. 10
bis 81).

Die Wirtschaftsgeschichte der Stadt bietet einen ruhigeren Verlauf. Ur-
sprünglich war zweifellos die Fischerei einer der Haupterwerbszweige der Ortsbewohner,
aus der sich allmählig die Schifferei zu einer ganz besonders grossen Bedeutung
entwickelte, die erst in diesem Jahrhundert mit der Einführung der Dampfschiffe und
Eisenbahnen wieder verloren ging. Zahlreiche Häuser des Tauberviertels geben noch
jetzt davon Kunde durch die über ihren Thüren angebrachten Schifffahrtsembleme:
Anker, Haken, Ruder, und eine der angesehensten ehemaligen Zünfte war die Fischer-
Zunft, in' der Fischer und Schiffer vereinigt waren, die aber ihrem Ursprünge gemäss
bis zuletzt nur den ersteren Namen führte. Ein grosses Zunfthaus derselben war schon
1479 erbaut, 1732 wieder neu errichtet worden und bestand bis 1866 (s. unten Abschn.
Stadt. Gebäude). Zu einer gleich grossen Entwickelung gelangte allmählig der Wein-
bau und damit der Weinhandel. Es wird uns z. B. berichtet, dass im Jahre 1573 ein
einziger Wertheimer Bürger (Baunach) 368 Fuder Wein im damaligen Werthe von
19500 Gulden in drei Sendungen nach Köln geliefert hat, und selbst noch in den
14 Jahren 1779—92 wurden 2469 Fuder Wein im Werthe von 466901 fl. ausgeführt.
Die Güte des dortigen Gewächses aber hat ein Wertheimer Arzt Leinweber in
beredter Weise gepriesen und um 1750 in einer zu Augsburg gedruckten Schrift ein-
gehend begründet. Ein anderes zahlreiches und zu einer angesehenen Zunft vereinigtes
Gewerbe war das der Tu eher oder Tuchmacher, der z. B. der reiche Bürger
Hans Rank angehörte, dem die Stiftung des neuen Friedhofes im Jahre 1538 zu ver-
danken ist. Ebenso war damals die Gerberei stark vertreten, wie man noch aus
manchen alten Thürverzierungen (mit Schabmessern) erkennen kann. Nimmt man hiezu
noch den Holzhandel und die mit der Holzindustrie verwachsenen Gewerbe,

Wirthschafts-
Geschichte


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