Oechelhäuser, Adolf von ; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,1): Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Wertheim (Kreis Mosbach) — Freiburg i.Br., 1896

Page: 248
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REIS MOSBACH.

Bau-
beschreibung

der ersten Gemahlin Johann's I., der Gräfin Margarethe von Rieneck war. (Ueber den
Stifter der Kapelle sammt deren Erker, Heinrich von Mümlingen, s. unten.) Die Ent-
stehung des ganzen Kirchenbaues umfasst demnach die Jahre von 1383 bis 1419,
einen Zeitraum, der den künstlerischen und räumlichen Verhältnissen des Baues durchaus
angemessen erscheint.

Das bedeutsamste Ereigniss in der altern Geschichte des Gotteshauses ist dessen
Fundirung mit einem Pfarrer und 11 Vikarien im Jahr 1419 durch Johann II. und dessen
Gemahlin Mechtild von Schwarzburg mit Hilfe des Bronnbacher Convents, dem die Paro-
chialkirche seit dem Jahr 1378/9 incorporirt worden war. Papst Sixtus IV. erweiterte im
Jahr 1481 diese Stiftung, indem er die Pfarrkirche zu einem Kollegiatstift erhob, über
welches sich die Grafen das Patronatsrecht vorbehielten. Die weiteren Schicksale der
Kirche sind auf's engste mit der Geschichte des Herrscherhauses und der Stadt verknüpft.
Ob und wie sie bei den Beschiessungen durch Schweden und Kaiserliche gelitten hat, ist
nicht bekannt. Das Ausbrechen des Masswerks in sämmtlichen Fenstern des Lang-
hauses rührt nicht erst von der jüngsten Restauration im Jahr 1888 her, sondern mag
wohl im Zusammenhange mit der Errichtung der Emporen, oder gelegentlich einer
Restauration des vorigen Jhs. erfolgt sein. Zweifelhaft bleibt dabei, ob das Masswerk zu
sehr beschädigt war, oder ob man es zunächst in den Seitenschiffen herausgenommen hat,
um durch den obersten Theil des Fensters mehr Licht auf die Emporen gelangen zu
lassen. Die Entfernung der Theilung in den Fenstern des Lichtgadens würde dann nur
der Gleichmässigkeit wegen vorgenommen worden sein.

Beschreibung des Baues.

Die Stadtkirche ist eine dreischiffige, flachgedeckte Pfeiler-Basilika mit langgestrecktem,
aus fünf Seiten des Achtecks geschlossenem' und gewölbtem Chor und mit einem Glocken-
turm in der Flucht der Westfacade vor dem nördlichen Seitenschiffe. Die innere
Gesammtlänge beträgt 46 m, die mittlere Breite der drei Schiffe 20,75 m, die Höhe des
Mittelschiffes 18 m. Ein Blick auf den Grundriss (Fig. 115) zeigt nicht nur Verschieden-
heiten in der Flucht der Seitenschiffmauern und in deren Abstand von den Arkaden,
sondern auch Abweichungen in der Weite der Bogenstellungen, schrägen Anschluss der
Westmauer an das Langhaus, Neigung der Axe des Chors nach Süden und dergl. Unregel-
mässigkeiten, die mehr oder minder bei allen mittelalterlichen Kirchen vorkommen, hier
aber doch etwas auffällig sind. Neben den lokalen Verhältnissen — Lauf der Strasse
im Westen — mag die erwähnte theilweise Wiederbenutzung der Funda-
mente der altem Kirche die erste Veranlassung dazu gegeben haben.
Als Hauptgrund zu der Annahme, dass der Neubau des Jahres
1383 auf der Stelle der ältesten Marienkirche sich erhoben hat, ist
bereits das Vorhandensein des alten Sockel - Stückes am südlichen
der beiden auffällig starken Arkadenpfeiler zunächst dem Triumph-
bogen bezeichnet worden *). Profil und Maasse gibt nebenstehende
Skizze. Vielleicht also, dass das romanische Langhaus hier bereits

*) Auf den alten Streit über die Frage, ob 1383 ein Umbau oder Neubau der Marienkirche statt-
gefunden hat, hier abermals einzugehen, lohnt nicht der Mühe. Becker's Behauptungen in Egger's
deutschem Kunstblatt (1855 Nr. 18) haben längst durch K. Wibel (Stadtkirche etc. S. 3 ff.) ihre
verdiente Abfertigung gefunden. Wer den Bogenfries zwischen den Fenstern des Mittelschiffes für
romanisch hält, dem ist nicht zu helfen.
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