Oechelhäuser, Adolf von ; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,1): Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Wertheim (Kreis Mosbach) — Freiburg i.Br., 1896

Page: 253
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AMT WERTHEIM.

WERTHEIM.

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welche zur Verbindung des freistehenden Pfostens mit den entsprechenden Wandpfosten
geschlagen sind und das jetzige, etwas schwächliche Hauptgesims tragen. Der obere
Abschluss ist früher offenbar reicher, die Dach-Anlage nach beiden Seiten abgeschrägt
und steiler gestaltet gewesen.

Der zierliche Erker daneben enthält den Altar der Heilig-Geist-Kapelle im Thurme
und entstammt wie die ganze Kapelle einer Stiftung des Aschaffenburger Canonicus
HeinrichvonMümlingen. Sein Wappen (Mohrenkopf?) mit nachstehender Umschrift
befindet sich am untersten Consolstein des Erkers oberhalb der spitzbogigen Thür, die
zum Kernter (s. oben) führt. Die Inschrift, theils auf dem Rande des Wappenschildes, theils
auf einem Steine rechts daneben eingemeisselt, lautet: @ atlO l ÖtH l \Xl l Ittt l £////

Üenriru^ 1 mtmlingt 1 canic9 / afdjaffß / fturgSfi / fufcator/ ljiii9 1 tapptütj 1
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Der Erker besteht aus einer dreiseitigen Laterne, die auf einem in zwei Absätzen
sich zierlich aus der Wand herauskragenden Unterbau ruht. Die Wände sind in drei
grosse zweitheilige Masswerk-Fenster aufgelöst, zwischen denen nur dünne Eckpfosten
stehen geblieben sind; ein geschweifter, durchbrochener Steinhelm mit Krabben und
Kreuzblumen krönt das Ganze. Die Formgebung auch hier durchaus spätgothisch, aber
noch nicht ganz so wild, wie beim Portal-Vorbau. Auf der Fenster-Schräge hocken
drollige Ungethüme. Von besonderem Reiz ist der zierliche Bogenfries, der innen mit
Blumen besetzt, unterhalb des Unterbau und Fenster trennenden Gesimses sich kranzartig
herumzieht. Auch der obere Abschluss mittelst eines hübschen Masswerkfrieses, in
welchen die über den rundbogigen Fenstern aufsteigenden Eselsrücken-Giebel mit der
Spitze hineinschneiden, wirkt straff und zierlich zugleich. Alle vier in die Kirche führenden
Spitzbogen-Thüren, je zwei in den Langseiten, zeigen bei ungefähr gleichen Ab-
messungen dieselbe einfache, aber wirkungsvolle gothische Profilirung.

Die Chorpartie wird durch die Strebepfeilerund die zwischen ihnen tief herunter-
reichenden dreigetheilten Masswerkfenster auch äusserlich zum interessantesten Theil der
Kirche. Die mächtige Höhen-Entwicklung dieses Theiles kommt immer noch zur Geltung
trotzdem, wie erwähnt, der Fussboden im Innern über 2 m tiefer liegt, als das Pflaster aussen.
Das Masswerk der Fenster zeigt vortreffliche spätgothische Rosetten- und Fischblasen-
Motive. Die tief ausladenden Strebepfeiler sind zweimal abgetreppt und oben in gerader
Linie nach dem Hauptgesimse zu abgeschrägt.

Von den beiden Anbauten am Chor ist der ältere, wie wir sahen, die im Süden
gelegene ehemalige Sacristei, bereits vor dem Jahre 1427 erbaut gewesen. Da dieser
südliche Anbau offenbar von jeher als Sacristei gedient hat, und die Bauformen mit denen
des Chores durchaus übereinstimmen, steht nichts im Wege, die Vollendung dieses süd-
lichen Anbaues gleichzeitig mit der des Chores zu setzen, eine Annahme, die auch durch
den Umstand bestätigt wird, dass an dieser Stelle niemals ein Chorfenster vorhanden
gewesen ist, während der nördliche Anbau ein solches verdeckt hat. Entsprechend der
geringern Breite des südlichen Seitenschiffs ist bei gleicher Tiefe die Breite des Sacristei-
Baues etwas (ungef. 0,50 m) geringer als die der liberaria auf der andern Seite. Der
über der Sacristei gelegene und wie diese mit einem Rippen-Kreuzgewölbe überspannte
Raum war offenbar „die capelle by dem köre", die in der Urkunde von 1427
erwähnt wird. Mit dem gegenüberliegenden gräflichen Anwesen stand diese durch einen


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