Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 22.1906-1907

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-g-4ö> VON AUSSTELLUNGEN — PERSONAL-NACHRICHTEN <^ä=v>

Zeichen, daß die wirklich guten Lithographien sel-
tener sind, als man glaubt. Große materielle Er-
wartungen hat man von vornherein von keiner Seite
an die Ausstellung geknüpft; hierzu ist Leipzig nicht
der Platz dafür. Die befruchtende Einwirkung aber
auf das gesamte graphische Gewerbe, die der Deutsche
Buchgewerbeverein von der Veranstaltung erwartete,
darf man als erfüllt ansehen. rgm.

YWIEN. In der Galerie Miethke war das Lebenswerk
™ Wilhelm Bernatzik's versammelt, dessen
Heimgang die österreichische Kunst vor wenigen
Monaten (s.Jahrg.XXILS.200) zu beklagen hatte. Kein
schönerer Nachruf als der, welche ihm seine Arbeiten
vielsagend hielten. Denn durchgängig offenbarte sich
da die Vereinigung eines unverbrüchlichen künstle-
rischen Ernstes mit poetischer Empfindung. Das
malerische Können war in dem französischen und
in dem Wiener Realismus der älteren Richtung ge-
schult, und damals holte sich Bernatzik seine Motive
aus dem bäuerlichen Leben der Heimat und aus dem
Zisterzienserkloster Heiligenkreuz, bis er sich immer
mehr der bloßen Landschaft zuwandte, zarter in der
Stimmung, dem Impressionismus hingegeben. Daraus
erwuchs ihm, zugleich mit dem Durchbruch einer
kräftigeren Farbenfreude, das Streben nach großer
dekorativer Wirkung; als eine Fortsetzung dieser,
zuerst in dem »gelben Zimmer« der Sezession durch-
geführten Absichten erschien nun das leider nicht
ganz vollendete Fresko einer Herbstlandschaft, in
dessen dreiteiligem Rahmen schwebende Frauen-
gestalten wie eine Huldigung für Klimt anmuteten.
So war der Fünfzigjährige noch unverdrossen nach
neuen Zielen unterwegs.

LJ ANNOVER. In der Ausstellung der Kunst-
* gewerbehalle finden die Arbeiten eines jüngeren
Künstlers, des Malers Schlösser Beachtung. Eine
Reihe von figürlichen, landschaftlichen und archi-
tektonischen Naturstudien, eine größere Anzahl von
Porträts, dekorativen Entwürfen etc. zeigen ein fri-
sches und vielseitiges Talent. Gute Kopien, nament-
lich nach spanischen Meistern beweisen, daß der
Künstler nicht nur in die Natur, sondern auch in
die Meisterwerke der alten Kunst sich lernend und
nacheifernd mit Erfolg vertieft hat. pi.

TUl ÜNCHEN. Im Kunstsalon Heinemann wurde mit
Anfang März eine umfangreiche Kollektiv-Aus-
stellung von Werken Ludwig Willroider's eröffnet,
die ein ganz ungewöhnliches künstlerisches Interesse
bietet. Diese Ausstellung greift ziemlich weit zurück
und bringt des Künstlers ganze Entwicklung von
früheren, vor zwei Jahrzehnten entstandenen Werken
bis zu den Arbeiten der allerletzten Zeit zur An-
schauung. Die vornehme Bescheidenheit Ludwig
Willroiders hat uns bisher einen solchen Einblick
in sein Schaffen und Werden nicht gegönnt. Jetzt
sehen wir dies in seinen interessanten Wandlungen
vor uns, Wandlungen, die nicht ein Mitgehen mit
der Mode, sondern das innere Weiterwachsen, das
stete Ringen einer starken und reinen Künstlerseele
offenbaren. Wir sehen den Zug zum Heroischen,
der Willroider immer auszeichnete, in etlichen wunder-
vollen, den meisten bisher wohl unbekannten älteren
Arbeiten begründet, kartonartigen Landschaftsbildern
aus Südtirol, die, mit wenig Farbe zu starker Wirkung
gebracht, einfache landschaftliche Formen mit be-
wundernswerter Größe wiedergeben mit einer schlich-
ten, eindringlichen Schönheit, die in der neueren
Landschaftskunst kaum ihresgleichen hat. Wir be-
obachten den Künstler dann in seinem Ringen um
Farbe und Intimität und finden ihn in einer Reihe

von älteren Bildern und großen Naturstudien den
vielberühmten französischen Meistern der intimen
Landschaft ebenbürtig, wir sehen ferner eine Reihe
von Werken, bei denen ihn die Probleme des Lichtes
in erster Linie anzogen, in denen er bei kühlem
silberigen Gesamtton Farbe nur mehr andeutungs-
weise gab und wir sehen zuletzt den Sechzigjährigen
immer breiter und flotter im Stich, voller in der
Farbe werden und eine köstliche Frische und Heiter-
keit gewinnen. Er gibt seinen Wolkenhimmeln in
diesen letzten Bildern ein wunderbar feines leuch-
tendes Weiß und seinen Wiesen ein sattes und saf-
tiges Grün — diese ganzen Werke atmen Kraft und
Frohsinn! Was Willroider als Zeichner kann und
immer konnte, sieht man auf den Bildern und
Studien aller seiner Entwicklungsstufen, Terrain und
Bäume sind stets meisterlich klar und richtig ge-
zeichnet; an zahlreichen Schwarzweißblättern können
wir dann seine Zeichenkunst noch speziell bewun-
dern und sein erstaunliches Talent zur feinen land-
schaftlichen Komposition. Diese Gabe kann freilich
nur der mit solchem Erfolge nützen, der auf ein
solches gewaltiges Maß von gewissenhaftester Stu-
dienarbeit hinter sich gebracht hat, wie Ludwig Will-
roider. Fo.

PERSONAL-NACHRICHTEN

V/I ANNHEIM. Dem GaleriedirektorWiLHELM Frey
wurde vom Großherzog von Baden der Professor-
titel verliehen.

MÜNCHEN. Den Kunstmalern Julius Diez und
undJOH. D. Holz wurde vom Prinzregenten der
Professortitel verliehen. — Angelo Jank ist zum
Nachfolger W. von Diez an der Akademie der
Künste ernannt worden.

GESTORBEN: in München am 14. März der
Historienmaler Professor Dr. Julius Naue im
Alter von 72 Jahren; ein Schüler Krelings und
(von 1861 — 1866) Schwinds, bildete er sich auf Reisen
in Italien weiter aus. Von seinen Werken seien
genannt: ein Freskenzyklus aus der deutschen Helden-
sage in der Villa A. O. Meyer, Hamburg; die Fresken
in der Villa Seewarte in Lindau, ebenfalls aus der ger-
manischen Heldensage; ein Bilderzyklus iVölker-
wanderung in 15 Kohlekartons. Ueberseine Erinne-
rungen an das Zusammenleben mit Schwind hat er
die Broschüre Worte und Wirken von Moritz von
Schwind herausgegeben; in Görlitz die Malerin
Margareta von Kurowski; in Frankfurt a. M.
am 12. März der Direktor des Städtischen Histori-
schen Museums Phil. Otto Cornill, Architekt und
Maler, im Alter von 84 Jahren; in Kopenhagen der
dänische Genremaler Axel Helsted im Alter von
60 Jahren; in Rom der 1826 in Danzig geborene
Landschaftsmaler Julius Zielke; am 23. Februar in
Berlin der Landschaftsmaler Gustav Wilbrich;
in Stuttgart Karl Scharrath, Bildhauer, 40 Jahre
alt; Wilhelm Quack, Maler, 61 Jahre alt; in Berlin
die Malerin Frau Hedwig Franke-Janus, 46 Jahre
alt; in Düsseldorf der Maler Wolf Seel im Alter
von 78 Jahren; in Basel der Kunstmaler Fritz
Schider im Alter von 60 Jahren, ein Schüler Ram-
bergs und Leibis; er hat zusammen mit dem Ana-
tomen Professor Kollmann einen anatomisch - pla-
stischen Atlas herausgegeben und stand seit Jahren
dem Zeichenunterricht an der Basler Gewerbe-
schule vor; in München der bekannte Radierer
und Kunstmaler Wilhelm Rohr am 15. März,
60 Jahre alt.

Ausgabe: 4. April 1907
Sämtlich in München

Redaktionsschluß: 19. März 1907

Für die Redaktion verantwortlich: F. Schtartz
Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. — Druck von Alphons Bruckmann. —
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