Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

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Die Baumeister

Um 1310—15 beginnen die Gmünder den Bau ihrer neuen Pfarrkirche. Die Berufung
eines in Straßburg geschulten und mit der frühen schwäbischen Gotik (Reutlingen)
vertrauten Baumeisters war für die Gmünder naheliegend335. Daß dessen Nach-
folger, der Parlier Heinrich, um 1330 aus Köln gerufen wurde und diesem Ruf
auch folgte, sollte eigentlich mit Erstaunen vermerkt werden. Wechselte doch da-
mit der hochbegabte Mann von einem Dombauplatz, wo die größte gotische Kathe-
drale nördlich der Alpen im Entstehen begriffen war, auf den Bauplatz einer süd-
deutschen Pfarrkirche. Vielleicht sprach der erste Gmünder Meister, der Heinrich
Parier möglicherweise von Straßburg her kannte 336, das entscheidende Wort. Es
sei daran erinnert, daß im Mittelalter einem scheidenden Baumeister das Recht
zustand, seinen Nachfolger vorzuschlagen 337. Daß die Gmünder von sich aus Um-
schau gehalten und dabei auf den Kölner Parlier aufmerksam geworden wären,
auch seine hohe Begabung erkannt hätten, ist schon deshalb wenig glaubhaft,
weil aus jener Zeit keinerlei Belege über irgendwelche Verbindungen zwischen
Köln und Gmünd existieren338. Nicht auszuschließen ist jedoch eine Verbindung
von Gmünd über Augsburg nach Köln. Die Gmünder Baupfleger mußten bei diesem
großen Unternehmen ihr Domkapitel informieren, und sie werden bei einer solch
entscheidenden Angelegenheit wie der Wahl des Baumeisters sicherlich auch Rat
und Hilfe erbeten haben. Doch finden sich weder in den Gmünder noch in den
Augsburger Archivalien irgendwelche Aussagen dazu; ebensowenig darüber, ob
in jener Zeit zwischen Augsburg und Köln Kontakte in der Berufungsangelegen-
heit eines Baumeisters bestanden339.

Wir sollten sie aber nicht für unmöglich halten, denn seit dem 10. Jahrhundert
lassen sich Verbindungen zwischen dem Bistum Augsburg und dem Erzbistum
Köln nachweisen: Der Kölner Erzbischof Bruno (953—965) stammte aus dem Ge-
schlecht der Herzöge von Bayern, die Verehrung des hl. Ulrich läßt sich schon im
10. und 11. Jahrhundert auch in Köln nachweisen und der Augsburger Bischof
Siegfried II. von Rechberg war wiederholt mit dem mächtigen Erzbischof Engel-
bert von Köln (ermordet am 7. 11. 1225) zusammengetroffen340. Auch Wirtschaft
und Handel verbanden die beiden Bischofsstädte: Köln, eine Stadt der Hanse,

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