Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

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Die Steinempore von 1550/52

I. Daten und Formen

Die Errichtung dieser Empore sollte vermutlich der Aufstellung einer neuen Orgel
dienen 558. Die Idee, die Orgel nun nicht mehr im Chor (wie häufig im Mittelalter),
sondern auf eine westliche Steinempore zu stellen, war in der Mitte des 16. Jahr-
hunderts nicht neu. Vielleicht gab den ersten Anstoß dazu der Gmünder Organist
und Kaplan Hurler, der 1508 eine von ihm gefertigte Orgel in die Crailsheimer
Johanniskirche lieferte, die dort auf einer dafür 1507 errichteten Steinempore auf-
gestellt wurde 559.

Das Baudatum der Empore überliefert Adam Schinleber mit 1550 560; eine In-
schrift am mittleren Balusterabschnitt nennt 1552561. Welche Verdienste dem am
südlichen Emporenaufgang in sorgfältig eingetiefter Schrift erwähnte „Michel
seytz stett maister Knecht" zukommen, ist bisher ungeklärt. Die Stadt wird ihren
Anteil zum Emporenbau gegeben haben. Ihre Zeichen tragen die Stützpfeiler
unter den dunklen Emporenaufgängen: im Südwesteck das Wappen mit dem
Reichsstadtadler und im Nordwesten das Einhorn.

Die Empore, bis zur Oberkante der Balustrade 5,85 m hoch, ist in das Westjoch
eingestellt, dessen Grundfläche sie völlig überdeckt. Vorne stützen vier Pfeiler,
wobei sich die beiden äußeren an die großen Schiffspfeiler anlehnen. An der
Rückseite dienen zum Aufnehmen der Gewölberippen die gotischen Dienste und
eigens dafür gesetzte halbrunde Wandpfeiler beidseits des inneren Westportales
und in den westlichen Langhausecken.

Die unterwölbte Empore öffnet sich mit fünf Arkaden zu den Schiffen. Je ein
Rundbogen überspannt den Abschnitt der Seitenschiffe und ein Rundbogen zwi-
schen zwei Spitzbogen das Mittelschiff. Die Bogenflächen schließen mit einem
Gesims ab, und darüber zieht sich die Balustrade hin. Die Pfeiler mit ihren pilaster-
artigen Vorlagen stoßen, von den Randprofilen der Gesimszone verkröpft über-
laufen, bis zur Deckplatte der Balustrade durch. Das ergibt eine klare Verspan-
nung von horizontalen und vertikalen Richtungen, von tragenden und lastenden
Teilen. Dahinter steht ein antikes Schema. In dieses sind gotische Formen aufge-
nommen worden: Die mehrfach eingefasten Eckbereiche der Emporenstützen, die

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