Kissling, Hermann
Das Münster in Schwäbisch Gmünd: Studien zur Baugeschichte, Plastik u. Ausstattung — Schwäbisch Gmünd, 1975

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Die Orgel und ihre Empore

1. Beschreibung

1688 liefert der Nördlinger Paul Prescher, seinerzeit ein namhafter Meister seines
Faches, eine neue Orgel in die Heiligkreuz-Kirche573. Sie wird nicht auf der Stein-
empore postiert, wie es naheliegend erschienen sein mochte, sondern findet ihren
Platz auf einer eigens dafür aufgestockten Holzempore. Diese ist wie die Stein-
empore von 1550—52 in das ganze Westjoch eingespannt. Sie bietet damit nicht
nur der Orgel 574, sondern auch einem größeren Chor und Orchester genügend
Raum, zumal ihre Brüstung im Mittelteil zwei Meter über die Linie der Steinbalu-
strade vorgezogen ist. Überlegungen zu einer günstigen Raumnutzung mögen für
die Neuanlage gesprochen haben, wohl mehr jedoch die Konzeption, die Orgel mit
ihrem barocken Kleid von den strengen Formen der steinernen Renaissance-Em-
pore abzusetzen und herauszustellen. Erwünscht war das Bild einer Orgel, die die
Fläche der westlichen Mittelschiffswand bis in das Gewölbe hinein beanspruchte.
Das ist kein tastender Versuch gewesen, die Westwand zu verdecken, sondern
hier ist die entschlossene Absicht verwirklicht, an Stelle des Steines nun Holz und
Metall, statt kühler Mauerschale warme Farbe und Silberglanz, statt geometrischer
Formen pulsierende Bewegung und Formenfülle einbringen zu wollen (Abb. 39,40).

Die Gliederung des Prospektes mit Sockelzone, Mittelteil, „Standflügeln" und
figurenbekröntem Aufsatz erinnert an die Struktur der damaligen Altarretabeln.
Auch die raumfüllende Gestalt ist von ihnen inspiriert, hier unmittelbar vom
Hochaltar der Kirche. Der Orgelprospekt ist eine Antwort auf den 1670 errichteten
Hochaltar, dessen höchsten Teile bis in das Chorgewölbe reichten575. Mit diesem
großartigen Orgelprospekt ist wieder einmal eine Aufwertung des Westteiles
der Kirche erfolgt, wie sie durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder ange-
strebt worden ist: im ausgehenden 15. Jahrhundert durch die Bemalung des inne-
ren Bogenfeldes, im 16. Jahrhundert durch die Steinempore und nun im 17. Jahr-
hundert in kaum zu übertreffender Weise mit der prunkenden Fülle der Orgel.
West- und Ostteil der Kirche sollten sich näherkommen, sollten wie Rede und Ant-
wort verstanden werden. Die Ausstattung leistete hierfür ein kraftvoll verbinden-
des Element in den nicht völlig kongruenten Hallenräumen von Chor und Langhaus.

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